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Die Grundbedürfnisse
des Menschen

EnjoyWork Arbeitsbuch für Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft

veröffentlicht: 25.08.2020 · Franziska Köppe | madiko

Die Grundlagen

Grundlagen Sinnvoll Wirtschaften / Weltbild & Menschenbild: Grundbedürfnisse

Wir alle werden in unserem Alltag von psychologischen Grundbedürfnissen geleitet. Wir streben danach, diese Bedürfnisse zu befriedigen – positive Erfahrungen herbeizuführen und unangenehme Dinge von uns fernzuhalten. Menschen balancieren dabei stets vier Grundbedürfnisse aus: Bindung, Orientierung & Kontrolle, Selbstwert-Erhöhung & Selbstwert-Schutz sowie Lust-Gewinn & Unlust-Vermeidung.

Foto: Grundlagen Sinnvoll Wirtschaften / Weltbild & Menschenbild: Grundbedürfnisse
[ 2020-08-25 EnjoyWork. Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft ]

Worum geht es?

Klaus Grawe definierte und erforschte im Rahmen seiner Studien die vier Grundbedürfnisse. Sie sind empirisch gut untersucht und belegt. Es ist die Weiterentwicklung der allseits bekannten Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow.

Was ist das Besondere?

Grawe erkannte, dass es für unser psychisches und physisches Wohlbefinden unumgänglich ist, dass all unsere Grundbedürfnisse erfüllt werden. Sind diese – und sei es nur eines von ihnen – über längere Zeit nicht befriedigt, fühlen wir uns nicht wohl und werden über kurz oder lang krank.

Der wohl größte Unterschied in beiden Ansätzen ist, dass Grawe davon ausgeht, dass alle vier Bedürfnisse gleichermaßen bedeutsam für uns und – im Gegensatz zur Bedürfnishierarchie – keiner Hierarchie unterworfen sind, wonach eines der Bedürfnisse wichtiger oder grundlegender als ein anderes wäre.

Was kann erreicht werden?

Die äußeren Umstände und Rahmenbedingungen, in die wir gestellt sind, beeinflussen die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse. Je weniger wir uns unserer Bedürfnisse bewusst sind und noch keinen eigenen Weg gefunden haben, uns um uns selbst zu kümmern, desto anfälliger sind wir für Veränderungen und verzagen ohne Wandelmut.

Das fällt uns besonders auf, wenn die Fremdsteuerung oder sich die Welt um uns radikal ändert, ungewiss und vieldeutig ist. Oder aber in selbstgesteuerten Organisationen Fremdbestimmtheit wegfällt und wir eigenverantwortlich auf uns gestellt sind. Um hier selbstbewusst, innovativ und kraftvoll agieren zu können, ist es nicht nur wichtig, seine eigenen Grundbedürfnisse auszubalancieren. Auch als Team brauchen wir einen Zugang zu den individuellen Grundbedürfnissen und müssen einen transparenten Weg aushandeln, achtvoll mit ihnen umzugehen.

Unsere eigenen Grundbedürfnisse zu kennen und zu lernen, mit ihnen in wertschätzender, unterstützender Weise umzugehen, erweitert unsere Handlungskompetenzen. Dann hauen uns Veränderungen, Ungewissheiten, Unsicherheiten auch weniger stark oder dauerhaft um.

Was kann nicht erreicht werden?

Die vier Bündel an Grundbedürfnissen an sich sind verallgemeinerbar. Ausprägung und Umgang mit den Grundbedürfnissen hingegen sind in besonderer Weise individuell.

Zudem entziehen sich Grundbedürfnisse einer wie auch immer gearteten Gestaltbarkeit. Hartmut Rosa würde sagen, Grundbedürfnisse sind “unverfügbar”.

Es ist wissenschaftlich umstritten, ob wir die bereits in früher Kindheit erlernten Erfahrungen mit unseren Grundbedürfnissen – und sei es an ihren Grenzen – verschieben können. Als Humanistin glaube ich jedoch, dass wir schon allein über einen achtsamen, liebevollen Umgang mit uns selbst und unseren Mitmenschen, vieles zum Besseren verändern können.

Wir sollten jedoch niemals versuchen, andere Menschen zu verändern oder zu manipulieren, in dem wir ihre Grundbedürfnisse für eigene Zwecke missbrauchen – weder auf unternehmerischer noch auf zwischenmenschlicher Ebene. Dies gebietet uns die Ethik.

Die zentralen psychologischen Grundbedürfnisse

Prof. Dr. Klaus D. Grawe fasste die Vielzahl der menschlichen Grundbedürfnisse zu vier Gruppen zusammen:

Grundlagen Sinnvoll Wirtschaften / Weltbild & Menschenbild: Grundbedürfnisse. Bild: cc Franziska Köppe | madiko

Grundlagen Sinnvoll Wirtschaften / Weltbild & Menschenbild: Grundbedürfnisse
[ 2020-08-25 Franziska Köppe | madiko ]

Das Bedürfnis nach Bindung

Hiermit ist das Bedürfnis von uns Menschen nach Mitmenschen und nach Nähe zu (einer) Bezugsperson(en) gemeint. Wir sind soziale Wesen. Daran besteht kein Zweifel. Daher leben wir in Familien, haben Freunde und mindestens eine Gemeinschaft, der wir uns zuordnen.

Zur Bindung gehört das “Gesehen Werden” und die Liebe. Der natürliche Trieb der Zusammengehörigkeit sorgt dafür, dass wir Beziehungen einen hohen Stellenwert geben.

Wesentliche Merkmale von Bindung sind:

  • Das gemeinsame Verfolgen von Zielen.
  • Das Teilen von Erfolgen und Niederlagen.
  • Die Möglichkeit, offen nach Rat zu fragen.
  • Sich auszutauschen.

Ziehen sich Menschen ganz aus der Gemeinschaft zurück, geschieht dies meist aus Angst vor Enttäuschung. Fehlende Bindung wirkt sich dabei immens auf unser Wohlbefinden und unsere geistige, wie körperliche Gesundheit aus. Vereinsamte Menschen sind öfter krank und sterben früher. Zusammenhalt und innere Verbundenheit sind also genauso wichtig, wie Essen und Trinken.

Für stabile Bindungen in Teams ist es wichtig, für eine klare und offene Atmosphäre zu sorgen. Indem beispielsweise nach einem kritischen Feedback Gemeinsamkeiten benannt werden, um schnellstmöglich wieder eine Bindung herzustellen.

Das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle

Unser Kontrollbedürfnis befriedigen wir durch möglichst viele Handlungsalternativen und einen großen Handlungsspielraum. Dieses Bedürfnis beschreibt die Orientierung und Kontrolle nach innen (den eigenen Körper und Psyche) und außen (Autonomie).

Wir möchten uns frei bewegen, verlässlich unsere Sinne nutzen und unseren Körper gut versorgen können. Wir wollen verstehen und beeinflussen, warum es uns gut und schlecht geht. Ob es um unseren Tagesablauf, unsere Zukunft, unsere Arbeit oder unseren Haushalt geht: Wir wissen gern, was Sache ist. Wenn wir einen Vertrag abschließen oder unser Smartphone bedienen, wollen wir im Bilde sein, was uns erwartet. Wir möchten planen und uns auf andere verlassen können. Wir wollen die Rahmenbedingungen und das System verstehen, in denen wir uns bewegen. Wir wollen selbst entscheiden können, wie wir eine Aufgabe lösen, was wir zum Unternehmenserfolg beitragen, wo und mit wem wir zusammenarbeiten. Und natürlich wollen wir Einfluss nehmen: mit Taten und mit Worten.

Umgedreht stellt eine schwerwiegende Verletzung des Grundbedürfnisses nach Kontrolle dar, wenn wir etwas nicht im Sinne eigener Ziele kontrollieren können, das uns sehr wichtig ist. Der Grad der Bedürfnisbefriedigung von Orientierung und Kontrolle färbt damit auch unsere Grundüberzeugungen, ob im Leben Kontrollmöglichkeiten bestehen, es vorhersehbar ist und ob es sich lohnt, sich einzusetzen.

Das Kontroll- und Autonomiebedürfnis ist zudem eng mit dem Selbstwert (und Selbstwirksamkeit) verbunden. Durch die Erfahrung, selbst etwas bewegen und bewirken zu können, fühlen wir uns gut, stark und stolz. Es ist nur möglich, Dinge zu lernen, indem wir die Erfahrungen sammeln, was wir können, wo die Grenzen liegen und wo wir noch etwas lernen müssen.

Das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung
und Selbstwertschutz

Wir alle hegen den Wunsch, etwas Besonderes zu sein. Wir wollen gesehen und gemocht werden. Auch wenn wir es besser wissen, wäre es uns doch am liebsten, wenn uns jeder mag.

Ein Selbstbild und eine Vorstellung vom eigenen Selbstwert zu haben, ist etwas zutiefst Menschliches. Wir haben daher alle ein Gefühl über uns selbst. Wir bewerten uns. Dabei sind wir stets bemüht, den eigenen Selbstwert stabil zu halten und vor Verletzungen zu schützen. Denn Verletzungen des eigenen Selbstwerts nehmen wir deutlich wahr und assoziieren ihn mit Leidensdruck.

So suchen wir in uns und unserem Umfeld nach Anerkennung. Dies folgt dem natürlichen Bedürfnis, sich selber als gut, kompetent, wertvoll und von anderen geliebt zu fühlen. Wir sind neugierig, lernbegierig und auch ein bisschen eitel. Es bringt uns und unsere Gemeinschaft voran. Es sichert unser Überleben und unsere Fortpflanzung. Also tun und lernen wir gern das, worin wir gut sind, kleiden uns schick und umgeben uns mit schönen Dingen, mögen Lob, Titel und Statussymbole.

Zur Bildung eines guten Selbstwertgefühls braucht es eine wertschätzende Umgebung, die den Menschen etwas zutraut, sie im Selbstwert unterstützt und stärkt.

Das heißt jedoch auch: Wir müssen uns trauen. Das wiederum setzt auch voraus, dass wir auch Verletzungen verzeihen, die passieren.

So liegt im Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz auch ein großes Problem. Menschen, die in diesem Bereich unterversorgt sind, schreien „nun hab mich doch lieb“ regelrecht heraus. Um gemocht zu werden, sind sie bereit, fast alles zu tun. Damit überfordern sie ihr Umfeld. Schlimmer noch: Das Umfeld spürt dies instinktiv und verweigert gerade das, was sie sich so sehnlich wünschen: Anerkennung und Wertschätzung. Aus diesem Bereich heraus entsteht „Harmoniesucht“.

In Kollektiven und auch in der Bewertung unseres eigenen Werts gilt es, zwei Unterscheidungen zu treffen. Zum Einen geht es um die Rückmeldung und Wertschätzung zur geleisteten Arbeit. Gleichen sich erhliche Würdigung zu einer gut gemachten Arbeit und Anregungen zu möglichen Verbesserungen aus, wird sich das positiv auf den Selbstwert auswirken. Zum Zweiten geht es um Rückmeldungen, die den Menschen als eigenständige Persönlichkeit anerkennen, also unabhängig von seinen Leistungen. Ein aufrichtiges Kompliment wirkt wärmend wie ein Sonnenstrahl.

Das Bedürfnis nach Lustgewinn
und Unlustvermeidung

Der Umgang mit Lust und Unlust ist eines der wichtigsten Regulationsprinzipien in unserem Leben. Wir alle streben nach erfreulichen, lustvollen Erfahrungen. Schmerzhafte, unangenehme und negative Erfahrungen suchen wir zu vermeiden – wie beispielsweise Angst, Enttäuschung oder Verletzung.

Wichtig ist hierbei auch im Auge zu behalten, dass es sich um eine emotional-kognitive Ebene handelt: Was uns Lust oder Unlust bereitet, kommt aufgrund eines individuellen Bewertungsprozesses zu Stande und kann nicht generalisiert werden. So kann es sein, dass ein Mensch etwas als lustvoll erlebt (Mathematik, Steuererklärung), was dem anderen eher Unlust bereitet.

Oftmals geht es hierbei auch um Frustrationstoleranz. Also darum, Frustration, unangenehme Gefühle und Situationen aushalten zu können. Hin und wieder wird es notwendig, eine gewisse Unlust auf uns zu nehmen, damit wir lustvolle Erfahrungen machen können (Belohnungsaufschub). Auf unserem Weg gibt es wiederkehrend Hindernisse oder wir müssen gar von vorne beginnen. So brauchen wir unter Umständen viel Disziplin und Motivation bis wir an unser Ziel kommen.

Fallbeispiele &
Anwenden in der Praxis

EnjoyWork braucht das Arbeiten an den Handlungskompetenzen

Wie wollen wir leben und arbeiten? Welche Alternativen zur konventionellen Fremdsteuerung von Organisationen gibt es? Nur, was wir uns – und sei es noch so vage – vorstellen können, hat Potenzial, Realität zu werden. Eine Frage, die dabei stets auftaucht, ist: Wie gelingt der Systemwechsel? Welche Kompetenzen braucht es dafür? Im Rahmen des “BrainFood” vom PARITÄTischen Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg ließ uns Dr. Joana Breidenbach einen Blick auf die Entwicklungsgeschichte des Social Innovators betterplace lab werfen. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, nahm sie uns mit in die Höhen und Tiefen der Transformation. Sie ließ uns teilhaben an ihren Einsichten und Erkenntnissen. Sie war bereit, offen auf Fragen zu antworten. In meiner Rückblende fasse ich die Stationen der betterplace lab gGmbH zur kompetenz-basierten Netzwerk-Organisation zusammen. Dabei greife mir aus der Fülle zwei Aspekte heraus, die mir besonders wichtig erscheinen: das Prinzip der Freiwilligkeit und die Balance der äußeren und inneren Sicherheit. Es ist eine Langstrecke. Du bist gewarnt ;-)

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Veröffentlicht: 15.09.2020

EnjoyWork Arbeitsbuch: Die menschlichen Grundbedürfnisse

Wir alle werden in unserem Alltag von psychologischen Grundbedürfnissen geleitet. Wir streben danach, diese Bedürfnisse zu befriedigen – positive Erfahrungen herbeizuführen und unangenehme Dinge von uns fernzuhalten. Menschen balancieren dabei stets vier Grundbedürfnisse aus: Bindung, Orientierung & Kontrolle, Selbstwert-Erhöhung & Selbstwert-Schutz sowie Lust-Gewinn & Unlust-Vermeidung. Sind diese – und sei es nur eines von ihnen – über längere Zeit nicht befriedigt, fühlen wir uns nicht wohl und werden über kurz oder lang krank. Um selbstbewusst, innovativ und kraftvoll agieren zu können, ist es nicht nur wichtig, seine eigenen Grundbedürfnisse auszubalancieren. Auch als Team brauchen wir einen Zugang zu den individuellen Grundbedürfnissen und müssen einen transparenten Weg aushandeln, achtvoll mit ihnen umzugehen. Eine Einführung findet Ihr nun im EnjoyWork Arbeitsbuch.

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Veröffentlicht: 25.08.2020

Quellen,
weitere Informationen und Links

  • Prof. Dr. Klaus Detlev Grawe, Psychologische Therapie. (2000, Göttingen: Hogrefe)
    Online-Quelle: Unsere Grundbedürfnisse Lic. phil. Uta Liechti Braune via Klaus-Grawe-Institut für Psychologische Therapie

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