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Wie es gelingt, Wert und Wirkung gesellschaftlicher Innovationen zu messen und zu nutzen

Im Gespräch mit Dr. Gorgi Krlev / Centrum für soziale Investitionen & Innovationen (CSI)

veröffentlicht: 17.09.2019 · Franziska Köppe | madiko

Naturwissenschaften ermöglichen uns, Ursache-Wirkungs-Beziehungen herzustellen. Die Medizin baut auf nachweisbare Wirkung ihrer Maßnahmen, bevor sie allgemein zugelassen werden.

Doch die Interaktion mit der Welt als System aus Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft ist hoch komplex und mehrdeutig. Sie scheint sich vor unseren Augen ständig neu zusammenzusetzen, fragil und unberechenbar zu sein. Das Verstehen öko2-sozialer Zusammenhänge ist ein Schlüssel für eine ganzheitliche Sichtweise.

Beruflich wie privat hilft es dabei, Chancen frühzeitig zu identifizieren und zu nutzen sowie Risiken vorausschauend zu vermeiden.

Doch wie genau machen wir das?

Foto: Gorgi Krlev | Centrum für soziale Investitionen & Innovationen (CSI)
Sebastian Weindel

Franziska

Nachdem wir im ersten Teil unseres Gesprächs beleuchteten, wozu uns dienen kann, gesellschaftliche Innovationen messbar zu machen, lass uns nun auf das Wie schauen.

Service für Querleser – die Kapitel im Überblick

Kurze Vorstellung

Warum es wichtig ist,
Wert und Wirkung gesellschaftlicher Innovationen
messbar zu machen

· Teil 1: Grundlagen & Nutzen ·

Nachhaltige Entwicklung
Die Dringlichkeit, aktiv zu werden, steigt

Mangelnde Fundierung der praktischen Arbeit
führt zu Green / White und Social Impact Washing

Wirkungsorientierung
Paradigmen-Wechsel zu einer sozial-ökologisch-finanziellen Wirtschaftlichkeitsbetrachtung

Die Antwort auf die Frage
“Wie wollen wir leben und arbeiten?”
determiniert die gesellschaftliche Wirkung unseres Tuns


Wie es gelingt,
Wert und Wirkung gesellschaftlicher Innovationen
messbar zu machen

· Teil 2: Umsetzung in der Praxis ·

Instrumente der Wirkungsmessung

  • Analyse des „Social Return on Investment
    (SROI)
  • Kosten-Nutzen Rechnung
    („Cost-Benefit Analysis“)
  • Wohlergehen, Zufriedenheit oder Glück
    (Wohlfahrtsindikatorik)
  • Befähigungsansatz
    (Capability Approach)

Die Schwierigkeiten, soziale Wirkung zu erfassen

Benötigte handwerkliche Fähigkeiten und Kompetenzen im Unternehmen

  • Strategische Kompetenzen
    inklusive der Persönlichkeitskompetenzen und
    Kompetenzen zur Moderation von Reflexions- und Entscheidungsprozessen
  • Fähigkeit zum “Übersetzen” und Entwickeln
    … der Strategie in konkrete Aufgabenpakete
    und einen eigenen Navigationskompass für den Weg
  • Forschergeist & Operationalisieren
    Verhaltensänderungen umsetzen, Überblick verschaffen, Fortschritte überprüfen

Franziska

Gorgi, in Deinem Wettbewerbsbeitrag für den Deutschen Studienpreis in Sozialwissenschaften unter dem Titel Zur Bewertung des scheinbar Unergründlichen: Soziale Wirkung messbar machen (Dezember 2018) schreibst Du:

Die Frage nach sozialer Wirkung nimmt gesellschaftlich immer mehr an Bedeutung zu. […] Den Naturwissenschaften ist die Erforschung von Ursache und Wirkung sehr vertraut und auch aus der evidenzbasierten Medizin sind wir es gewohnt, dass beispielsweise neue Medikamente nur zugelassen werden, wenn sie ihre Wirkung bewiesen haben. Den Sozialwissenschaften ist die Erforschung von Wirkung zwar keineswegs neu, jedoch nimmt sie eine immer prominentere Rolle ein, nicht zuletzt vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen.

Grundsätzlich ist es für alle Organisationen wichtig zu erörtern, welche Effekte sie auf ihre soziale und ökologische Umwelt haben. Die Relevanz solche Effekte festzustellen wird befeuert durch die stärker wahrgenommene Dringlichkeit sozialer und ökologischer Herausforderungen, wie soziale Ungleichheit, politische Polarisierung, oder Umweltverschmutzung und Klimawandel. […]

Unternehmen, die umfangreiche Corporate Social Responsibility (CSR) Maßnahmen verfolgen oder Corporate Volunteering Programme haben, müssten sich fragen, welche Effekte ihre Aktivitäten haben. Soziale Dienstleister, beispielsweise im Gesundheits- oder Pflegebereich, differenzieren sich durch den Mehrwert, den sie für Kunden oder Patienten schaffen.

Nur ist dieser nicht so einfach in Geldwerten auszudrücken, wie der klassischer Konsumgüter. Andere Entscheidungskriterien sind also notwendig.

Dr. Gorgi Krlev

Centrum für Soziale Investitionen & Innovationen (CSI)
Universität Heidelberg

Quelle: Wettbewerbsbeitrag für den Deutschen Studienpreis in Sozialwissenschaften unter dem Titel
Zur Bewertung des scheinbar Unergründlichen: Soziale Wirkung messbar machen [ Dezember 2018 ]

Gorgi

Im letzten Jahrzehnt wurden international unter dem Stichwort „Social Impact Measurement“ eine Fülle von Instrumenten entwickelt, um Wirkung zu messen und zu kommunizieren. Dies soll dazu dienen, Entscheidungen darüber zu treffen, welche Aktivitäten oder Interventionen den größten Mehrwert für die Zielgruppe der untersuchten Organisation schaffen. Verlässliche Informationen als Basis für solche Entscheidungen zu haben, ist sowohl für die ausführenden Organisationen selbst, als auch für deren Geldgeber, oder deren gesetzlichen Regulierer relevant.

Instrumente der Wirkungsmessung
Sozialer Innovationen

Gorgi

Eines der verbreitetsten Instrumente der Wirkungsmessung ist die Analyse des „Social Return on Investment“ (SROI). Die Ambition des Instruments ist es, die klassische Renditerechnung um die Einschätzung sozio-ökonomischer und sozialer Effekte zu erweitern, um so zu einer umfassenden Analyse des erzeugten gesellschaftlichen Mehrwertes zu gelangen. In unserer Analyse von mehr als 100, im Zeitraum von 2002-2012, veröffentlichten Studien haben sich jedoch einige Defizite gezeigt, von denen zwei besonders prägnant sind2:

Erstens mangelt es den meisten Wirkungsanalysen an verlässlichen Untersuchungsdesigns. Kontrollgruppenvergleiche oder Vorher-Nachher Betrachtungen, wie wir sie aus der Medizin kennen, sind selten zu finden. Zweitens fokussieren sich die meisten Analysen, trotz ihres gegenteiligen Anspruchs, auf ökonomische (direkte monetäre Vorteile; beispielsweise durch die Arbeitsintegration eines Menschen mit Behinderung) und sozio-ökonomische Effekte (Einsparungen für den Staat; zum Beispiel durch die erfolgreiche Resozialisierung einer ehemals inhaftierten Person).

Die sozialen Effekte, wie zum Beispiel die Stärkung von Sozialbeziehungen, die Anregung politischer Teilhabe oder die Förderung pro-sozialen Verhaltens, finden hingegen wenig Beachtung. Dieser Umstand ist zu beobachten, obwohl gerade diese Effekte für die untersuchten organisationalen Aktivitäten von zentraler Bedeutung wären, beispielsweise in den Bereichen Lebensberatung, soziale Integration oder Bildung.

Franziska

Wird die Wirkungsmessung nicht auch gerade dadurch erschwert, dass es in komplexen, chaotischen und dynamischen Systemen, wie die Welt sich uns darstellt, keine konkreten Ursache-Wirkungsbeziehungen herstellen lassen?

Gorgi

Genau so ist es. Mit der Aussage: “Weil unsere Welt komplex ist, können wir Wirkung in bestimmten Bereichen gar nicht messen”, wollte ich mich aber nicht zufrieden geben. Schließlich sind es besonders diese Bereiche, die unser Leben lebenswert machen.

Und immer mehr Organisationen betonen, dass sie hier Wert schaffen wollen. Da wäre es doch komisch zu sagen auf die Fragen: “Klappt das oder nicht?” Und “Wie können wir uns immer weiter verbessern?” haben wir schlichtweg keine Antwort.

Daher stellte ich mir folgende Forschungsfragen:

  • Wie kann soziale Wirkungsmessung neu definiert werden?
  • Mittels welches theoretischen Ansatzes können wir das Konzept am besten verstehen, um es so anzuwenden, dass wir Herausforderungen, die es mit sich bringt adressieren können?
  • Basierend auf der wissenschaftlichen Fundierung: Wie sollte soziale Wirkung operationalisiert und empirisch gemessen werden?

Grob lassen sich die konventionellen Ansätze der Wirkungsmessung in 3 Kategorien unterteilen:

Ansätze zur
Messung sozialer Wirkung

Kosten-Nutzen Rechnung („Cost-Benefit Analysis“)

Der älteste Ansatz ist die Kosten-Nutzen Rechnung („Cost-Benefit Analysis“). Diese hat ihren Ursprung in der Projektfolgenabschätzung der öffentlichen Hand; also der Entscheidung darüber, ob ein öffentliches Gut wie zum Beispiel eine neue Straßenverbindung bereitgestellt oder eine gesetzliche Regulierung verabschiedet werden soll. Dafür werden Kosten und Nutzen monetarisiert, wenn sie nicht schon unmittelbar in Geldwerten vorliegen und miteinander verglichen.

Aus ihrem ursprünglichen Anwendungsfeld heraus wurde die Kosten-Nutzen Rechnung schrittweise vermehrt auch auf organisationaler Ebene angewendet, beispielsweise in der Bewertung von Gesundheitsbehandlungen, aber auch in der Abschätzung, ob sich CSR-Aktivitäten für Unternehmen auszahlen. Der Social Return on Invest (SROI) selbst stellt eine Weiterentwicklung der Kosten-Nutzen Analyse mit einem neuen Schwerpunkt auf die sozialen Effekte dar.

Wohlergehen, Zufriedenheit oder Glück (Wohlfahrtsindikatorik)

Hierbei werden Wohlergehen, Zufriedenheit oder Glück als neue Messgrößen für gesellschaftliche Prosperität vorgeschlagen. Sie sollen das rein wirtschaftliche Maß des Bruttoinlandsproduktes (BIP) ergänzen, wenn nicht gar ablösen. Dieser Ansatz entstammt der Wohlfahrtsindikatorik auf nationaler Ebene.

Fragen nach der allgemeinen Lebenszufriedenheit haben Einzug in Bevölkerungsbefragungen, wie den European Social Survey, gehalten. Bhutan hat im Jahr 2008 mit der Proklamierung des „Bruttonationalglücks“ Schlagzeilen gemacht.

Die Analyse von Lebenszufriedenheit soll auch helfen, die Wirkung organisationaler Aktivitäten zu messen. Wirkung ist dann mit dem erzeugten Unterschied zwischen der Lebenszufriedenheit vor der Teilnahme und nach der Teilnahme an einem Programm zu beziffern.

Befähigungsansatz (Capability Approach)

Der Befähigungsansatz (Capability Approach) geht auf den Philosophen und Ökonomen Amartya Kumar Sen zurück. Der Ansatz ist in der Evaluation der Entwicklungs­zusammen­arbeit und Armuts­bekämpfung zu verorten.

Ihm liegt ein multidimensionales Verständnis von Armut zugrunde. Demzufolge drückt sich Armut nicht ausschließlich im Mangel an finanziellen Mitteln aus, sondern darin, dass Menschen, die in Armut leben, in vielfacher Weise in der Realisierung ihrer Möglichkeiten eingeschränkt sind.

Befähigung hingegen umfasst die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und politischen Geschehen genauso, wie die Fähigkeit, sich im öffentlichen Raum ohne Scham und Schande zu bewegen. Organisationale Aktivitäten können daran gemessen werden, wie sehr sie diese Fähigkeiten fördern.

Quelle: Dr. Gorgi Krlev im Wettbewerbsbeitrag für den Deutschen Studienpreis in Sozialwissenschaften unter dem Titel Zur Bewertung des scheinbar Unergründlichen: Soziale Wirkung messbar machen (Dezember 2018)

Gorgi

Obwohl allen drei Ansätzen große Verdienste um unser Verständnis sozialen Wohlergehens und Fortschritts zuzuschreiben sind, stehen sie einigen Herausforderungen in der Messung sozialer Wirkung gegenüber, die sie nur unzureichend adressieren können.

Franziska

Welche sind das aus Deiner Sicht?

Die Schwierigkeiten,
soziale Wirkung zu erfassen

Gorgi

Zunächst einmal ist da das Messproblem. Wie Du ja schon sagst, sind Gesellschaften hoch komplex, dynamisch und unvorhersagbar. Wir stehen also vor der Schwierigkeit, aussagekräftige Indikatoren für die Einschätzung sozialer Wirkung zu finden.

Vor allem die Kosten-Nutzen Analyse und der Befähigungsansatz weisen hier Einschränkungen auf. Durch den Fokus auf Monetarisierung bezieht sich die Kosten-Nutzen Analyse meist auf Indikatoren, die leicht erfassbar sind. Das führt zu dem in Bezug auf den SROI konstatierten Fokus auf ökonomische und sozio-ökonomische Indikatoren.

Der Capability Approach wiederum arbeitet teilweise mit Konzepten, wie zum Beispiel „Würde“, die so schwer zu fassen sind, dass er in der Anwendung doch oft auf relativ simple Indikatoren zurückfällt. So wird beispielsweise in Studien der „Body Mass Index“ als Hauptmaß für körperliches Wohlergehen verwendet. Nun ja.

Darüber hinaus zeigt sich ein Attributionsproblem. Dieses deutet auf die Schwierigkeit hin, einen gemessenen Unterschied effektiv auf die ausgeführten Aktivitäten zurückzuführen.

Drittens, besteht ein Aggregationsproblem, welches entsteht, wenn man sich auf Indikatoren fokussiert, die von vielen verschiedenen Faktoren abhängen, aber wenig Aussagekraft über die Bestandteile der Wirkung haben.

Speziell bei der Verwendung von Zufriedenheitsmaßen treten diese letztgenannten Probleme verstärkt auf.

Franziska

Das leuchtet mir unmittelbar ein, schließlich ist Zufriedenheit stark subjektiv und kontextabhängig. Ein Aspekt, mit dem wir uns ja auch im Zusammenhang mit Sinnkopplung immer wieder auseinandersetzen.

Gorgi

Nur potenziert sich das bei uns Sozialwissenschaftlern, wenn wir mit einer Makro-Brille auf die Gesellschaft blicken.

So gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass selbst nach einer Querschnittslähmung die betroffenen Personen nach einiger Zeit zu ihrem alten Niveau an Lebenszufriedenheit zurückfinden.3 Außerdem wurde beobachtet, dass während der russischen Finanzkrise im Jahre 1998 die durchschnittliche Lebenszufriedenheit mit zunehmender Arbeitslosigkeit stieg. Dieses Paradox wurde auf den interpersonellen Vergleich von Individuen zurückgeführt, die sich besser fühlten, wenn es anderen schlechter oder zumindest nicht besser als ihnen selbst ging.4

Beide Beispiele zeigen, dass ein Unterschied in der empfundenen Lebenszufriedenheit unter Umständen kein verlässlicher Indikator für einen erzielten positiven Effekt ist.

Darüber hinaus ist Lebenszufriedenheit ein hochaggregiertes Maß, welches sich aus Zufriedenheit in Bezug auf viele verschiedene Bereiche zusammensetzt. Nicht umsonst erhebt zum Beispiel die OECD in ihrem “Better Life Index” nicht nur die allgemeine Lebenszufriedenheit, sondern auch die Zufriedenheit der Bevölkerung mit ihrer Bildung, der Umwelt oder dem Zivilengagement im eigenen Land.

Auch engere Maße, wie die Gesundheitszufriedenheit, hängen von einer Vielzahl von Faktoren ab. Das heißt, selbst wenn ein Anstieg der Zufriedenheit wirklich auf eine organisationale Aktivität zurückzuführen ist, erlaubt diese Beobachtung allein kaum Einblick darin, welche Teile der untersuchten Aktivität sehr und welche weniger wirksam waren.

Viertens ist im Hinblick auf die vorhandenen Ansätze der Wirkungsmessung ein Fundierungsproblem zu beobachten. Alle drei Konzepte postulieren mehr oder weniger explizit, dass soziale Wirkung und damit eine Verbesserung der Wohlfahrt auf der Ebene einer Gruppe oder Gemeinschaft, direkt aus dem Aufsummieren der individuellen Verbesserungen abzuleiten ist.

Dabei lassen die Ansätze und deren Maße Interaktionen und mögliche Konflikte zwischen dem Nutzen, den Präferenzen oder den Freiheiten verschiedener Individuen größtenteils außer Acht. Sie sind primär am Individuum orientiert und haben nicht ausdrücklich einen Schwerpunkt auf relationale Maße, die dabei helfen könnten zu verstehen, wie sich die Situation einer Person in direktem Bezug zu ihrem Umfeld verändert.

Franziska

Angesichts der skizzierten Schwierigkeiten stellt sich die Frage, ob es nicht einen alternativen Zugang gäbe, der hilfreich für die Wirksamkeitsmessung sein könnte. Gibt es einen?

Gorgi

Anstatt von der individuellen Ebene aus über soziale Wirkung nachzudenken, bin ich das Thema von der Makroebene aus angegangen und habe versucht festzustellen, wodurch die identifizierten Herausforderungen möglicherweise grundsätzlich bedingt sind. Dazu beziehe ich mich auf die „Wirkungskette“, die typischerweise verwendet wird, um den Zusammenhang zwischen eingebrachtem Input, einem Prozess, erzielten Outputs und daraus resultierenden Outcomes bzw. Impacts darzustellen.

Die Wirkungskette ist im Grunde genommen dem klassischen ökonomischen Produktionsprozess entlehnt, in dem natürliche Ressourcen (Inputs) in einem durch Arbeit und Kapital, z.B. Produktionsstätten, bestimmten Prozess zu Gütern (Outputs) transformiert werden. Deren aggregierte Masse und die dahinter liegende Wertschöpfung wiederum bestimmen die ökonomische Wohlfahrt (Outcome).

Man kann dieses Konzept nun auf “gesellschaftliche Wertschöpfung” übertragen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass auf soziale Wirkung ausgerichtete Unternehmen, zu „Kapitalproduzenten“ werden, die gesellschaftliche Produktivität ermöglichen. Mit Kapital meine ich dabei beispielsweise Humankapital, welches menschliche Fähigkeiten, Fertigkeiten und Expertise beinhaltet. Ich weiß, viele lehnen den Kapitalbegriff in diesem Zusammenhang ab. Er riecht zu sehr nach Kommerzialisierung des Lebens und stellt Menschen als anonyme Faktoren dar, die im Produktionsprozess verschlissen werden. Für mich ist das Gegenteil der Fall. Der Kapitalbegriff, wie ich ihn verwende, drückt aus, dass Menschen besondere Merkmale und Eigenschaften haben, die es ihnen zum Zusammenspiel mit anderen Neues und Wertvolles zu schaffen. Wenn Organisationen eine positive Wirkung haben, stärken sie diese Merkmale und verbessern das gemeinsame Schaffen.

FAHRRADkultour - unterwegs mit dem Scheiderei-Lastenrad, Maria Walcher aus Südtirol sucht Kleider mit Geschichte
Suche Kleider mit Geschichte

Von Ort zu Ort durch Europa ist Maria Walcher auf der Walz. Dabei verbindet die Künstlerin aus Südtirol Schneider-Handwerk mit Reiselust. Ihr Thema sind „Kleider mit Geschichte“. Fortbewegungs- und Transportmittel zugleich war 2011/12 ein als mobiler Nähstand umgebautes Lastenfahrrad. Heute (2018) ist es ein VW-Bus. Auf ihren Reisen knüpft sie Kontakte und verwebt Textilien und persönliche Geschichten zu etwas Neuem. Eine ganz besondere Form der Völkerverständigung und zwischenmenschlicher Wärme.

Gorgi

Nehmen wir ein Social Business, das sich dem Thema Migration angenommen hat: Ein Integrationsprogramm für Migrant*innen stellt ja nicht unmittelbar sozialen Frieden her, sondern bahnt beispielsweise Kontakte zwischen den Zugewanderten und in dem Land aufgewachsenen Menschen an.

Es schafft also Sozialkapital, das von den Individuen aber genutzt und ausgebaut werden muss, um zu wirklicher Integration zu führen. Oder das Programm sensibilisiert für unterschiedliche Wertvorstellungen und erzeugt gegenseitiges Verständnis. Es schafft also kulturelles Kapital.

Man kann in offenen sozialen Systemen nur schwer jede Folgewirkung nachvollziehen und auf das beispielsweise durchgeführte Dialogforum zurückführen. Jedoch kann man feststellen, wie sehr sich Menschen während des Forums nahe gekommen sind und welche Denkanstöße sie mitgenommen haben.

Franziska

Ein anderes Beispiel wäre “Naturkapital”, das es heutigen wie zukünftigen Generationen ermöglicht, Lebens- und Arbeitswelten zu gestalten, oder? Das ist ein Aspekt, den beispielsweise Handwerksbetriebe in ihren Fokus nehmen, die Upcycling als Kern ihres Geschäftsmodells verwirklichen. Das setzt ein Denken in Kreisläufen oder ein nachhaltiges Wirtschaften mit Ressourcen voraus. Dies erlernt und als Kompetenz weitergetragen zu haben, wäre aus meiner Sicht auch wieder “Kapital für die Gesellschaft”.

Gorgi

Genau. Es ist also sinnvoller sich auf die Schaffung von Kapitalformen zu fokussieren, für die wir in den Sozialwissenschaften recht gute Maße haben, anstatt Wirkung entweder mit der philosophischen Frage “Wie haben wir die Welt verbessert?” oder zweckrationalen Frage “Was hat uns das jetzt eingebracht?” zu betrachten. Beides führt zu einer Verkürzung und stellt die zugrundeliegenden Zusammenhänge unzureichend dar.

Benötigte handwerkliche
Fähigkeiten und Kompetenzen

… und wie wir sie erlernen

Franziska

Nun könnte man meinen, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, ist nur für die Branchenvertreter der Wohlfahrtsunternehmen und Gemeinwohl-Unternehmer relevant. Ich gehöre zu denen, die Wirtschaft, Wissenschaften und Zivilgesellschaft als ein System betrachten, das im Kern ineinandergreifen muss. Mein eigener Gestaltungsraum und meine Freiheit werden durch die Freiheit und den Gestaltungsraum, den ich allen anderen auf diesem Planeten einräume, beschränkt.

In meinem Verständnis ist es demnach wichtig, dass wir als Gestalter diese Zusammenhänge des “Großen und Ganzen” erfassen – ohne den Anspruch zu haben, die Welt in ihrer Gesamtheit verstehen oder gar verändern zu wollen. Die Spannung, die darin liegt, das Große zu sehen und sich in dem, was wir individuell glauben bewirken zu können, auszuhalten, fällt vielen Menschen schwer.

Mir ist es ein Anliegen, Menschen vor Augen zu führen, dass wir zwar zumeist völlig überschätzen, was wir an einem Tag zu leisten vermögen – gleichwohl aber auch unterschätzen, was wir in einem Monat, einem Jahr und erst recht in einem Leben bewirken. Im Guten wie im Schlechten.


Welche handwerklichen Fähigkeiten sind aus Deiner Sicht nötig, um die gesellschaftliche Wirkung der eigenen Arbeit professionell zu messen? Was können, was sollten kleine und mittelständische Firmen hier tun?

Gorgi

Aus meiner Sicht sind dafür 3 Fähigkeiten erfolgskritisch.

Strategische Kompetenzen

inklusive der Persönlichkeitskompetenzen und
Kompetenzen zur Moderation von Reflexions- und Entscheidungsprozessen

Gorgi

Zum einen sind strategische Kompetenzen wichtig. Wir müssen strategisch denken, um den eigenen Anspruch, zum Beispiel die Mission oder Ziele des Unternehmens oder des eigenen Teams, mit ihrer beabsichtigten Wirkung zu verknüpfen.

Dazu müssen wir erst einmal herausfinden, was der Kern unserer eigenen Mission ist. Das ist nicht trivial, denn damit sind zumeist viele Hoffnungen und Projekte und Aufgaben und Themen verbunden. Die Menschen in der Organisation müssen also gemeinsam erarbeiten, was das Wesentliche ist, das sie zusammen erreichen wollen. Nicht selten stellen wir fest, dass Wirkungsmessung im Rückschluss dazu geführt hat, dass die eigene Mission angepasst wurde, weil man festgestellt hat, dass man gar nicht so wirkt wie gedacht.

Franziska

Was Du sagst setzt voraus, Reflexions- und Entscheidungsprozesse sinnstiftend, integrativ, partizipativ und ergebnisoffen zu moderieren. Auch eine Kompetenz, die ich für wesentlich in Bezug auf die soziokratische Strategie-Entwicklung eines Unternehmens halte.

Gorgi

Absolut. Ein Kerngrundsatz ist Wirkungsorientierung und -messung funktioniert nicht ohne Dialog.

Fähigkeit zum “Übersetzen” und Entwickeln

… der Strategie in konkrete Aufgabenpakete
und einen eigenen Navigationskompass für den Weg

Gorgi

Die zweite Kompetenz ist die Fähigkeit des “Übersetzens”. Wir müssen lernen, unsere Mission und Ziele in Dimensionen zu übertragen, auf die wir uns konzentrieren werden. Das hilft in der konkreten Umsetzung, ist aber noch wichtiger wenn es darum geht festzustellen was tatsächlich bewirkt wurde. Wenn ich nicht weiß worauf ich achten muss, werde ich nie wissen, ob ich es erreicht habe.

Franziska

Für die*den Einzelnen heißt das dann: Es ist aus der Fülle an Möglichkeiten unsere Nische zu finden, in der wir wirken wollen – und zu erkennen, worin unsere eigene Aussagekraft und Bedeutsamkeit liegt. Das sowohl qualitativ als auch quantitativ bemessen zu können. Dafür die eigene Sprache zu finden. Und es uns so zu eigen machen, dass es uns hilft im Tagesgeschäft kluge Entscheidungen zu treffen und zu eigenverantwortlich zu handeln.

Ganz deutlich habe ich das in einem Prozess der Organisationsentwicklung bei meinem letzten Arbeitgeber gemerkt als wir die Transformation von einem “Hersteller von Sicherheitstechnik” hin zu “Botschaftern für Sicherheit an Maschinen und Anlagen” durchliefen. Was sich in diesem Satz für Außenstehende recht trivial anhören mag, war für die Beteiligten eine enorme Veränderung im Selbstverständnis und hat weltweit die Identifikation mit der Firma grundlegend verändert. Ganz besonders im Alltag, wenn beispielsweise in Bezug auf anstehende Entscheidungen geprüft wurde, ob die Interaktion von Mensch und Maschine durch den Vorschlag verbessert oder eher verschlechtert wird. Wir haben uns oft darüber auseinandergesetzt, woran wir das denn bemessen. Sehr spannend!

Gorgi

Ja, man sieht an dem was du beschreibst schön wie sich die gleichen Grundsätze auf viele verschiedene Kontexte übertragen lassen.

Forschergeist & Operationalisieren

Verhaltensänderungen umsetzen, Überblick verschaffen, Fortschritte überprüfen

Gorgi

Die Dritte Kompetenz ist Forschergeist. Es ist die Fähigkeit, diese Dimensionen zu operationalisieren – also praktisch zur Anwendung zu bringen. Die erste Dimension dreht sich um die Frage “wo will ich hin”, die zweite um die Frage “was schaue ich mir an, um festzustellen, dass ich auf dem richtigen Weg bin” und die dritte Dimension fragt “wie schaue ich mir das an, um eine verlässliche Aussage zu bekommen”.

Es gibt unzählige Möglichkeiten, die wir nutzen können. Eine gute Recherche erspart uns, bei Null anzufangen. Wir müssen nicht alles neu erfinden, sondern sollten zuerst schauen, was schon da ist. Um das sinnvoll zu tun, brauchen wir Überblick. Um klar zu machen was wir nutzen können und wie, habe ich meine empirische Arbeit kurz und bündig dargestellt.

Für die, die mehr erfahren wollen finden sich hier Beispiele wie man Sozialbeziehungen, prosoziales Verhalten oder politische Partizipation und Interaktion gut messen kann.

Franziska

Ich verstehe es so, dass wir lernen und in der Praxis erproben, welche Denkwerkzeuge, Konzepte, Methoden und Vorgehensweisen sowie Werkzeuge, Komponenten und Systeme uns helfen, die gesellschaftliche Wirkung zu erzielen, die wir anstreben.

Wir brauchen in den Firmen den Austausch dazu, wozu diese uns dienen. Und ob sie dem eigenen Menschen- und Weltbild als auch dem Geschäftsmodell förderlich (oder hinderlich) sind.

Dafür müssen wir uns Zeit einräumen. Das geht nicht zwischen Tür und Angel. Spart uns gleichwohl aber viel Ärger und Frust in der Umsetzung.


Wie erlernen wir diese Kompetenzen?

Gorgi

Ein wesentlicher Aspekt ist Kollaboration. Wir brauchen den interdisziplinären Austausch und den Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Wissenschaftler sollten nicht nur Studien auf höchstem Niveau durchführen, deren Ergebnisse sie nie in der Praxis werden anwenden können. Und Praktiker müssen ihr Vorurteil der Forschung gegenüber aufgeben, dass die Wissenschaft so losgelöst von der Anwendung wäre, sie könnten nichts davon lernen.

Ich bezweifle zudem die Aussagen, die man leider auch viel zu oft hört, dass kleine Organisationen keine gesellschaftliche Wirkung haben können, oder aber nicht die Kapazitäten haben Wirkung zu messen. Zum einen sind auch kleinere Beiträge wichtig und richtig gute kleine Beiträge können auf einmal ganz groß werden, wenn sie als Best Practice zum neuen Standard werden, der zum Beispiel gesetzlich vorgeschrieben ist. Zum anderen gibt es viele Möglichkeiten Wirkung zu messen. Es muss und soll nicht immer die große quantitative Studie sein. Qualitative Ansätze sind oft einfacher auszuführen und in manchen Fällen sogar viel aussagekräftiger als qualitative Daten.

Wichtig dabei ist, dass man es gut macht. Ich gehe sogar soweit zu sagen: Wenn eine Organisation das Gefühl hat, nur eine unzureichende Bewertung ihrer gesellschaftlichen Wirkung bewerkstelligen zu können, kann sie es gleich ganz bleiben lassen. Wenn Du keinen Anspruch hast, der robust ist, sollte man die Ressourcen und das Geld – die ja gerade bei kleinen Organisationen sehr limitiert sind – für sinnvollere Dinge einsetzen. Wirkungsmessung ist kein Selbstzweck. Sie dient der Verbesserung der eigenen Praxis oder kann Grundlage für die Verbreitung des eigenen Ansatzes sein, in der Organisation oder darüber hinaus. Wenn man solche Prozesse aufgrund von vagen und unzureichenden Informationen vorantreibt, ist das nicht nur eine Verschwendung, es kann auch gefährlich sein. Wem positive Wirkung also am Herzen liegt, dem muss auch daran gelegen sein, verlässlich sagen zu können ob und welcher Impact erzeugt wird.

Gorgi

Vielen Dank, lieber Gorgi. Mir war es ein aufschlussreiches Gespräch und ich hoffe auch unseren Leser*innen. Ich denke, ich kann auch in Deinem Namen sprechen: Wir freuen uns über weitere Anregungen, Fragen und Wünsche zum Thema von Euch. Wie denkt Ihr darüber? Was sind Eure Erfahrungen? Was wollt Ihr erforschen und wärt für eine Kooperation / Kollaboration mit Gorgi bereit?

Gorgi

Ich habe zu danken, Franziska. Ich bin überwältigt von der Arbeit, die Du hier hinein investiert hast und davon, wie tief Dein Interesse geht.

Ich hoffe die EnjoyWork Community findet das spannend und nicht zu detailreich oder abgehoben. Ich befolge, was ich predige und versuche hiermit Wirkung zu erzielen: Denkprozesse in Gang zu setzen, Inspiration zu geben und im Optimalfall mehr und bessere Wirkungspraxis in Organisationen hervorzubringen. Das ist mein Impact. Den zu messen ist sicher besonders schwer, aber sicher nicht unmöglich!

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