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Innovative, disruptive Geschäftsmodelle — Machen wir uns unserer Verantwortung bewusst!

Grundlegende Denkmodelle und Ansätze

02.05.2018 · Franziska Köppe | madiko

Aktuell beobachte ich den Trend zu “Was sich digitalisieren lässt, wird digitalisiert.” Insbesondere für Routine-Arbeiten oder körperlich schwere Tätigkeiten ist dies interessant und aus meiner Sicht auch erstrebenswert. Denn es eröffnet uns die Chance, uns auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren und gesund zu bleiben.

Gleichwohl mahne ich, Entscheidungen auch aus wirtschaftsethischer Sicht zu betrachten. Welche Auswirkungen haben Systeme, denen wir uns nicht mehr entziehen können? Sind beispielsweise “smart contracts” der BlockChain wirklich so smart, wie sie daher kommen? Wie gestaltet sich Plattform-Ökonomie, will sie als Intermediär die Beteiligten in einen konstruktiven Dialog bringen? Wie verändert sich die Rolle von IT und Ingenieurskunst in diesem Zusammenspiel der unterschiedlichen Geschäftsmodelle und Praktiken?

Erstmals veröffentlicht am 21.02.2018

Lesezeit ~ 4 min.

Foto: Fabrik: Ingenieur mit Tablet
MachineHeadz

Geschäftsmodelle
beginnen im Denken

Was steckt dahinter, wenn wir soziale Beziehungen abstrahieren und versuchen, auf technische Systeme zu legen? Wie verändert sich dadurch unsere Kultur und Gesellschaft? Welche Feedback-Systeme können wir implementieren, um zu sehen, ob das in eine gewollte oder eher destruktive Richtung für uns Menschen führt? Welche Idealvorstellung von der Welt liegt den von uns geschaffenen Strukturen zugrunde und wirkt dann wie ein Steuerungsmechanismus, dem wir uns nicht mehr entziehen können?

Vertrauen wird dann nicht mehr geschaffen zu Menschen, sondern Vertrauen wird geschaffen in ein System. Und das ist etwas völlig anderes. Die menschliche Beziehung spielt dann im Grunde keine Rolle mehr. Es ist die Entwicklung hin zu dem, was Jürgen Habermas vor einem halben Jahrhundert als eine selbststabilisierte Gesellschaft bezeichnete.

Im Zwangscharakter, den eine solche Gesellschaft annimmt, wenn sie sich mit starren Techniken stabilisieren will, liegt die Gefahr eines „Gehäuses der Hörigkeit“, die Max Weber seinerzeit dem bürokratischen Sozialismus anlastete. Diese Gefahr bezeichnete Friedrich Hayek, der neoliberale Vordenker, als „Weg in die Knechtschaft“.

Heute droht diese Gefahr gerade von den Mitteln und den Konzepten, welche sowohl Weber als auch Hayek ins Auge fassten, um ihr zu entgehen. Freies Unternehmertum (Weber) und das ungezügelte Walten von Marktkräften (Hayek) scheinen uns gegenwärtig in eine Welt zu führen, in die wir, die 99 Prozent, uns ohnmächtig fügen müssen. Wirtschaftliche Grundentscheidungen sollen der Demokratie entzogen werden. Und die Gravitationswirkung, die von wirtschaftlicher Macht ausgeht, affiziert auch die Technikentwicklung, lenkt sie in bestimmte Richtungen.

Neue Mittel der Verhaltenssteuerung und der Stabilisierung von Herrschaft, wie sie die Informatikentwicklung bereitstellt, werden von wirtschaftlichen Verwertungsinteressen und von Interessen an der Stabilisierung von Gesellschaft ergriffen und geprägt. Verteilte Buchhaltung auf Blockchain-Basis ist nur ein Baustein unter mehreren. Dessen unbedachte Nutzung kann uns in eine durchorganisierte Gesellschaft führen, die mit dem Grundgesetz nicht mehr vereinbar ist.

Aber genau diesen Weg gehen wir heute mit der immer weiter sich ausbreitenden Steuerung gesellschaftlicher Teilbereiche durch zwingende Strukturen; smart grid und E-Call seien als Beispiele genannt. Es ist die Frage, wie weit man auf diesem Weg gehen darf.

Dr. Klaus Lenk

Dr. Klaus Lenk ist Professor emeritus der Verwaltungswissenschaft / Public Administration der Universität Oldenburg.
Ich zitiere aus dem Gespräch mit Yannick Lebert von Netzpolitik zu Perspektiven auf die Blockchain.

Sind also beispielsweise “Smart Contracts” wirklich so smart? Wollen wir Menschen jedwede Entscheidungskompetenz absprechen, indem wir technisch alles bereits vordefinieren? Was passiert, spielen menschliche Beziehungen keine Rolle mehr?

Bilder der Organisation

In Konsequenz heißt das: Es braucht den Dialog zu unserem Menschen- und Weltbild. Erst daraus lässt sich ableiten, mit welchen Vorgehensweisen, Strukturen und Prozessen wir gut zusammenarbeiten und Neues schaffen können. Das fängt mit den Bildern an, die wir in Sachen Organisation im Kopf haben.

Moderne Zeiten / Charlie Chaplin . Bild: cc Franziska Köppe | madiko

Moderne Zeiten / Charlie Chaplin
[ 2018-04 Franziska Köppe | madiko ]

Denken wir eher an Zahnräder in einem Getriebe oder stellen wir uns freie Radikale in einem organischen System vor? Sehen wir unsere Mitarbeiter als Lehnsarbeiter in einem (wohlwollenden) Patriarchat oder als aufgeklärte, intrinsisch motivierte Menschen? Was ist unser Bild von uns selbst und was trauen wir anderen zu? Inwieweit ist das eigene Bild geeignet, mit den bevorstehenden Herausforderungen konstruktiv und erfolgreich umzugehen?

Rollenwechsel der IT und Ingenieure

Geschäftsprozesse kommen heute nicht mehr ohne technologische Unterstützung aus.

Software bestimmt, wie wir handeln, was wir tun können und was uns nicht erlaubt ist. Sie definiert, welche Arbeitsschritte aufeinander folgen und wer welche Informationen bekommt. Zugriffsrechte definieren die Rolle, die ein Benutzer einnehmen kann. Kurzum: ohne unsere IT machen wir gar nichts. Und nicht selten machen wir das nicht, was in der IT nicht zugelassen ist.

Faktisch definieren diejenigen, die die IT-Systeme einführen, wie eine Organisation funktioniert. Wie bewusst sind sich die Macher der Systeme dieser Tatsache?

Für IT-Abteilungen bedeutet das einen Rollenwechsel: aus dem Denken in Systemen muss Gestalten von Organisation mit Hilfe von Software werden.

Holger Zimmermann

Projektmensch

Holger Zimmermann ist Unternehmer, Dozent und Projektmensch. Er ist Teil der Initiative “EnjoyWork – Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft”. Mit seiner Firma Projektmensch unterstützt er Projektteams, Projektleiter und Führungskräfte in deren Projekten.

Das, was Holger Zimmermann von Projektmensch für IT-Systeme in Bezug auf Organisationsentwicklung beschreibt, gilt natürlich auch für Maschinen und Anlagen in Fertigung und Produktion, in Logistik und Stadtplanung, in der Gestaltung unseres Zusammenlebens als Gesellschaft. Es ist nur zu leicht, dies im Alltag aus den Augen zu verlieren: Als Maschinenbau-Ingenieur schaffe ich Lebens- und Arbeitsrealität für Menschen in der Interaktion mit Maschine und Technik.

Wie stark diese Auswirkungen der digitalen Transformation sind, macht sich auch an konkreten Zahlen fest. So verwundert nicht, dass sich die “Digitalbranche” zum größten Arbeitgeber in Deutschland entwickelt hat – noch vor Schlüsselbranchen wie dem Maschinen- oder Automobilbau. In diesem Konglomerat an Akteuren vermischen sich zunehmend klare Branchengrenzen. Es sind zahlreiche KMUs und Freelancer dabei. Jetzt gilt es zu beweisen, dass Deutschland mehr kann als nur Konzerne.

Damit dies gelingt, müssen wir neue Formen von Zusammenarbeit finden. Kulturell erfordert dieser Aufruf, sich mit Kooperation u Kollaboration im Zusammenhang mit Konformität (Compliance), Wettbewerbsrecht u Monopolisieren versus Gemeinwohl auseinanderzusetzen. Die Welt ist zu komplex und ungewiss geworden, diese Herausforderungen im Alleingang lösen zu wollen.

Plattform-Ökonomie der Industrie

Beispielsweise sollen sich durch freien Handel von Produktionsdaten intelligente Fertigungsverbunde für den Maschinenbau herausbilden.

Darüber hinaus entstehen digitale Marktplätze. Sie bieten dem B2B-Kunde rund um das Kernprodukt alle relevanten Güter und Leistungen auf der gleichen Plattform an: Produkte, Zubehör, Ersatzteile, Services von der Wartung bis zum Retrofit oder Gebrauchtmaschinen. Ergänzt wird dieses Angebot von Anbietern für Rohmaterial, Logistik, Finanzierung oder Software-Häusern.

Für die Entwicklung digitaler, disruptiver Geschäftsmodelle sind die als Marktplatz organisierten Online-Angebote jedoch zu wenig, denn sie schaffen kaum Netzwerk-Effekte für die am Marktplatz Beteiligten. Die Plattform-Ökonomie versteht sich als Intermediär, der Markteilnehmer mithilfe digitaler Technologien über eine Plattform verbindet und deren Interaktion vereinfacht.

Grundsätzlich können unterschiedliche plattform-ökonomische Szenarien und Geschäftsmodelle in der Industrie etabliert werden. Dr. Holger Schmidt skizziert in seinem Beitrag 4 Szenarien für derartige Ansätze. Beispielhaft geht er ein auf Plattformen mit Fokus auf

1. Teilung der Ressourcen, Kapazitäten und Fähigkeiten
2. Produkt-/ Service-Allianzen
3. Veränderung der Marktmechanismen und Ecosysteme
4. Daten und Technologie

Bei der VDMA ist man überzeugt: “Die Wertschöpfung im B2B-Geschäft erfolgt immer stärker durch digitale Services. Der Maschinenbau kann Treiber der neuen Plattformökonomie sein – Voraussetzung ist aber, dass das Thema auf Vorstandsebene verankert wird.”

Von der Theorie zur Praxis

Nach diesen einleitenden Worten stellt sich natürlich die Frage: Und was heißt das konkret für mich, meine Firma, meine Organisation? Wie kann mein eigener Beitrag dazu aussehen? Wie komme ich von der Theorie zur Praxis?

Das Fraunhofer IPA entwickelte gemeinsam mit Unternehmen von Südwestmetall Entscheidungsgrundlagen und Handlungsempfehlungen für die Digitalisierung im Mittelstand. Es lohnt sich, in die Studie einen Blick hineinzuwerfen.

Ein weiteres Angebot sind die neu gegründeten Popup-Labore in BaWü, die ebenfalls darin unterstützen sollen, Innovationsprozesse intelligent zu gestalten.

Auf der individuellen Ebene gilt es, sich der eigenen Bilder und auch Widersprüche Klarheit zu verschaffen. Sehr interessant fand ich in diesem Zusammenhang den Artikel The Gift Of Paradox – 9 Inner Forces That Leaders Need To Welcome.

Dinesh Tantri schreibt darin:

To snap-out of the binary thought process and hold seemingly contradictory ideas simultaneously requires effort. To be able to balance […] polarities would mean a tightrope walk between our rational minds and our deeper selves.

Dinesh Tantri

Digithos / Bharathiar University

Digithos is a consulting cooperative focusing on scaling culture, building learning organizations, org design, people-centric leadership styles and management practices. We help our clients design future of work initiatives and interventions for business agility. Our mission is to liberate work and help create humane workplaces.

Ich freue mich auf den (weiteren) Austausch dazu und werde mich auch zukünftig der vielen Facetten von digitalen (disruptiven) Geschäftsmodellen widmen.

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