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Schloss Tempelhof

In Gemeinschaft leben und arbeiten

25.04.2018 · Franziska Köppe | madiko

Vier Generationen leben und arbeiten gemeinsam an einem Ort. Mit der eigenen biologischen Landwirtschaft versorgt sich die Genossenschaft selbst. Sie gehen unterschiedlichsten Gewerken und Berufen nach, gründeten eine freie Schule und laden regelmäßig Gäste zum Wissens- und Erfahrungs­aus­tausch zu sich auf Schloss Tempelhof ein.

Begonnen hat alles 2007, als sich 20 Menschen aus dem Großraum München aufmachten, ihren Lebens­traum einer Solidargemeinschaft zu verwirklichen. Im nord­öst­lichen Teil Baden-Württem­bergs fanden sie 2010 in der Gemeinde Kreßberg ihr neues zu Hause. Heute wohnen im Dorf 155 Menschen.

Als Teil der #glskoop schreibe ich die Tempelhof-Chroniken in der Tradition der Dorf­schreiber weiter und nehme Dich mit auf meine Reise.

Foto: Schloss Tempelhof - Dorf zur Zeit der Gründung
Schloss Tempelhof

Schloss Tempelhof / Martina Jacobson

Ich bin heute definitiv jemand anderes als noch vor fünf Jahren, bevor ich an den Tempelhof kam. Ich habe das Gefühl, ich bin viel vollständiger. Ich bin immer noch auf dem Weg. Ich bin jedoch klarer in Bezug auf meine Stärken und meine Schwächen, meine sozialen Fähigkeiten und kenne mich selbst viel genauer durch den Spiegel der Gemeinschaft. Dadurch bin ich glücklicher. Näher an mir und in Verbindung mit mir selbst.

Martina Jacobson

Genossin und Aufsichtsrätin Schloss Tempelhof

Dies war die Antwort von Martina Jacobson, auf die Frage, wer sie ist. Martina ist Genossin und Aufsichtsrätin der Gemeinschaft Tempelhof, einer Solidargemeinschaft in der Baden-Württem­bergi­schen Gemeinde Kreßberg. Im Februar hatte ich die Gelegenheit, sie zu besuchen und mit ihr und anderen Menschen im Dorf zu sprechen.

Seither ist viel passiert und ein Zusammenwirken für EnjoyWork — Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft entstand. Wie fruchtbar die Zusammenarbeit ist, machen wir in den nächsten Wochen und Monaten sichtbar. Bleib neugierig.

Heute werde ich Dir zunächst mehr über die Menschen und das Dorf selbst erzählen. Lehn Dich zurück, nimm Dir ein wenig Zeit. Wie in all meinen Multimedia-Reportagen kratzen wir nicht nur an der Oberfläche, sondern gehen den Dingen auf den Grund.

Was ist das Besondere am Tempelhof?

In der Reflexion, was mich an dieser Gemeinschaft fasziniert, interessiert mich vor allem die Frage: Wie verbinden hier die Menschen Leben und Arbeiten zu einem sinnstiftenden Ganzen? Was verändert sich für sie am Schlosshof, werden sie Teil der Solidargemeinschaft? Woher nehmen sie ihren Mut zum Wandel?

Lass mich Dich mitnehmen auf meine Reise des Verstehens. Eine Reise, die mir im Rahmen der #glskoop, der Blog-Kooperative der GLS Gemeinschaftsbank, ermöglicht wurde. Vielen Dank an die Kollegen nach Bochum. Es ist schön, ein Teil Eurer Initiative zu sein.

Im fränkisch geprägten Nord-Osten Baden-Württembergs liegt die Gemeinde Kreßberg. Dort wo sich A6 von Heilbronn nach Nürnberg und A7 von Würzburg nach Ulm kreuzen. Inmitten der ländlich-hügeligen Landschaft liegt das Dorf Tempelhof.

31 ha Boden – bestehend aus 4 ha Baugrund mit zahlreichen Gebäuden und 27 ha Agrarland – bieten Raum für gemein­schaftliches Wohnen und vielfältige Möglichkeiten für gewerbliche Betriebe und kreative Projekte.

Heute leben im Dorf 105 Erwachsene und 50 Kinder. Insgesamt bietet Schloss Tempelhof Raum zur Entfaltung für zirka 200 Personen.

Auf dem Gelände gibt es Wohnhäuser, Werkstätten und Gewerbeflächen, ein Seminar- und ein Gästehaus, eine Mehrzweckhalle mit Bühne, eine freie Schule, Landwirtschaftsgebäude, eine Großküche mit gemeinsamem Speisesaal, das namensgebende Schloss und ganz viel Natur.

Foto: Schloss Tempelhof - Ortseingangsschild
madiko

Gemeinschaftlich in Besitz und verantwortet

Schloss Tempelhof: Vogelperspektive. Bild: copy Schloss Tempelhof

Schloss Tempelhof: Vogelperspektive
[ 2017-10 Schloss Tempelhof ]

Die Bewirtschaftung des Tempelhofs dient der Selbstversorgung der Gemeinschaft und Gäste mit bio­logischen Lebensmitteln. Inzwischen beziehen auch rund 20 Familien von außerhalb und einige Gaststätten Gemüsekisten. Dabei legen die Menschen hier viel Wert auf die Wiederherstellung und Erhaltung natürlicher Kreisläufe und Permakultur.

Schloss Tempelhof: Imker und Bienen. Bild: copy Schloss Tempelhof

Schloss Tempelhof: Imker und Bienen
[ 2017-10 Schloss Tempelhof ]

20 Frauen und Männer arbeiten im Ackerbau, in der Gärtnerei, Imkerei, Bäckerei, der Tier­hal­tung und in der Kantinen­küche. Sie verwirklichen eine solidarische Landwirtschaft, die alle gesund und umfassend ernährt.

Schloss Tempelhof: Biobrot, frisch gebacken. Bild: copy Schloss Tempelhof

Schloss Tempelhof: Biobrot, frisch gebacken
[ 2017-10 Schloss Tempelhof ]

Schloss Tempelhof: Gemüsefelder und Gewächshäuser solidarische Landwirtschaft. Bild: copy Schloss Tempelhof

Schloss Tempelhof: Gemüsefelder und Gewächshäuser solidarische Landwirtschaft
[ 2017-10 Schloss Tempelhof ]

Weitere 30 Arbeitsplätze entstanden im TempelHofLaden, im SchlossCafé, dem Gästehaus, dem Seminar- und Veranstaltungshaus, dem Energie- und Baubereich, der Verwaltung und in der freien Schule.

Schloss Tempelhof: Schulung in Permakultur. Bild: copy Schloss Tempelhof

Schloss Tempelhof: Schulung in Permakultur
[ 2017-10 Schloss Tempelhof ]

Schloss Tempelhof: Bau der Wohnwabe in Waldtann durch Genossen. Bild: copy Schloss Tempelhof

Schloss Tempelhof: Bau der Wohnwabe in Waldtann durch Genossen
[ 2017-10 Schloss Tempelhof ]

Schloss Tempelhof: Feierliche Einweihnung Wohnwabe am Earthship. Bild: copy Schloss Tempelhof

Schloss Tempelhof: Feierliche Einweihnung Wohnwabe am Earthship
[ 2017-10 Schloss Tempelhof ]

Freie Schule für Kinder vom Tempelhof und der Gemeinde. Bild: copy Schloss Tempelhof

Freie Schule für Kinder vom Tempelhof und der Gemeinde
[ 2017-10 Schloss Tempelhof ]

Privatbesitz an Grund und Boden gibt es nicht. Um das Objekt jeglicher, künftiger Bodenspekulation zu entziehen, erwarb die gemeinnützige grund-stiftung am Schloss Tempelhof die Liegenschaft. Per Erbpachtvertrag mit 99 Jahren Laufzeit vergab sie die Liegenschaft an die Schloss Tempelhof Genossenschaft. Die Genossenschaft ist die demokratische Rechtsform für die Verwaltung der solidarischen Betriebe. Jede/r Genosse/in hat unabhängig von der Höhe seiner Einlage das gleiche Stimmrecht.

Schloss Tempelhof: Morgenkreis. Bild: copy Schloss Tempelhof

Schloss Tempelhof: Morgenkreis
[ 2017-10 Schloss Tempelhof ]

Wie ernst die Tempelhofer diese Grundprinzipien der Demokratie nehmen, wird überall in der Gemeinschaft im Kleinen wie im Großen sichtbar. Es geht dabei nicht nur um Rechte und Pflichten des Einzelnen. Es geht um soziale wie um kollektive Entwicklungsprozesse. Keiner wird damit allein gelassen. Mitbestimmung wird gefordert und gefördert zugleich.

Partizipation für kluge Entscheidungs­prozesse

Diese stark auf Selbst­steuerung setzenden Prinzipien und Handlungs­kompetenzen der Dorf­gemein­schaft entlehnen sich unter anderem der Soziokratie. Das heißt, in alle Entscheidungs­prozesse sind alle Beteiligten eingebunden und wirken an der Umsetzung mit. Die Schloss Tempelhof-Gemeinschaft kommt dafür alle 6 Wochen zusammen.

Schloss Tempelhof: Dorfgemeinschaft. Bild: copy Schloss Tempelhof

Schloss Tempelhof: Dorfgemeinschaft
[ 2017-10 Schloss Tempelhof ]

Zur Vorbereitung dieser Dorfplenen finden alle 14 Tage Bewohnerplenen statt. Diese Treffen dienen dazu, Anträge daraufhin zu überprüfen, ob sie reif für eine Abstimmung im Dorfplenum sind. Sie werden in diesem Rahmen beraten und gegebenenfalls an die Antragsteller zur Verbesserung zurückgegeben.

Schloss Tempelhof: Anhören der Pro- und Kontra-Stimmen im Bewohnerplenum. Bild: copy madiko

Schloss Tempelhof: Anhören der Pro- und Kontra-Stimmen im Bewohnerplenum
[ 2017-10 madiko ]

Wenn Du, liebe Leserin, lieber Leser jetzt zurückschreckst und denkst: “Du liebe Güte, dann dauert ja alles ewig!”, kann ich bezeugen, dass dem nicht so ist. Ich war an einem der regel­mäßigen Be­woh­ner­plenen dabei und erstaunt, wie eine Vielzahl kleiner und weitreichender Entscheidungen, die die gesamte Dorf­gemein­schaft betreffen, innerhalb von 2 Stunden – mit ent­sprechen­der Vor­berei­tung – entschieden wurden.

Schloss Tempelhof: Anhören der Pro- und Kontra-Stimmen im Bewohnerplenum. Bild: copy madiko

Schloss Tempelhof: Anhören der Pro- und Kontra-Stimmen im Bewohnerplenum
[ 2017-10 madiko ]

Schloss Tempelhof: Anhören der Pro- und Kontra-Stimmen im Bewohnerplenum. Bild: copy madiko

Schloss Tempelhof: Anhören der Pro- und Kontra-Stimmen im Bewohnerplenum
[ 2017-10 madiko ]

Im 6-stufigen Konsens-Verfahren werden am Tempelhof vor allem Entscheidungen getroffen, die die gesamte Gemeinschaft betreffen: beispielsweise die Aufnahme neuer Genossen in die Gemeinschaft, Bauvorhaben am Tempelhof, Veränderungen der Organisationsstruktur, Durchführen von Großveranstaltungen oder auch Projekte, die die Solidargemeinschaft voranbringen können.

Schloss Tempelhof: Vorab kommunizierter Antrag ans Bewohnerplenum. Bild: copy madiko

Schloss Tempelhof: Vorab kommunizierter Antrag ans Bewohnerplenum
[ 2017-10 madiko ]

Schloss Tempelhof: Entscheidungsfindung im Konsens beim Bewohnerplenum. Bild: copy madiko

Schloss Tempelhof: Entscheidungsfindung im Konsens beim Bewohnerplenum
[ 2017-10 madiko ]

Ähnlich agiert man auf Projekt-Gruppen-Ebene zum Beispiel bei der Zusammen­setzung der Teams und den einzelnen Aufgaben­stellungen. Vorbereitet werden Entscheidungen mit weit­reichenden Folgen — zum Beispiel “Neubau für die Schule” oder “Veränderung der Lebens­hal­tungs­kosten” — durch eine Reihe konsul­tativer Treffen.

Schloss Tempelhof: Livedokumentation von Martina für ihre gehörlose Mitbewohnerin Annemarie beim Bewohnerplenum... Bild: copy madiko

Schloss Tempelhof: Livedokumentation von Martina für ihre gehörlose Mitbewohnerin Annemarie beim Bewohnerplenum..
[ 2017-10 madiko ]

Foto: madiko

All diese demokratischen Entscheidungs­methoden setzen ein hohes Maß an persönlicher Hand­lungs­kompe­tenz der Beteiligten voraus – sowohl auf individueller als auch auf kollek­tiver Ebene. Um dies zu ermöglichen, braucht es einen geschützten, sozialen Raum für Wandelmut.

Ihre Fähigkeiten für ein kooperatives Miteinander üben die Tempelhofer unter anderem in regelmäßigen, sogenannten WIR-Prozessen, in denen das wechselseitige Sich- Kennenlernen vertieft oder zum Beispiel Konflikte geklärt werden können:

Schloss Tempelhof: Dorfgemeinschaft im Rahmen der Intensivtage. Bild: copy Schloss Tempelhof

Schloss Tempelhof: Dorfgemeinschaft im Rahmen der Intensivtage
[ 2017-10 Schloss Tempelhof ]

Intensiv-Tage am Tempelhof und WIR-Prozesse
[ © 2017-10 Schloss Tempelhof ]

Wir befinden uns in einer Zeit, die von Wandel und Veränderung geprägt ist. Antworten im alten Sinne taugen nicht mehr, vielmehr der Wille und der Mut mit den offenen Fragen zu leben und sich im Sinne Rainer Maria Rilkes als Forscher in Neuland zu begeben, welches sich nur durch eine ehrliche und transparente Kommunikation erschließen lässt.

In diesem Sinne dient die Gruppe und der Gruppenkontext als Übungsfeld für eine Art radikale Subjektivität, die authentische Gemeinschaft und Verbundenheit jenseits von Erwartungen und Beurteilung erfahrbar werden lässt.

Damit der Prozess sein ganzes Potential entfalten kann, braucht es von jedem von uns eine einzigartige Mischung aus wachsender Bewusstheit, Verantwortung und Hingabe:

  • Wachsende Bewusstheit über das, was aus den Tiefen unseres Unbewussten in uns aufsteigen will.
  • Verantwortung, uns mit dem, was in uns ist, zu zeigen und einzubringen.
  • Die Fähigkeit der Hingabe braucht es, zur Annahme all dessen, was an Gefühlen, abgelehnten Gefühlen und Widerständen in uns und in anderen auftaucht.

Dies alles ohne die Einladung oder Aufforderung einer Leitfigur, eines Lehrers, oder Therapeuten.

Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck geht davon aus, dass jeder Teilnehmer die Kompetenz von Führungs- und Leitungsqualität in sich trägt und somit Teil einer Gruppe ist. Dies wird von Scott Peck „group of all leaders“ genannt.

Lassen wir uns auf dieses Übungsfeld und seine Herausforderungen ein, erwächst uns neben der Zunahme an sozialer Kompetenz im heilsamen Umgang mit menschlichen Themen und Wandlungsprozessen auch das Vertrauen in kollektives Wissen, in emotionale Nähe und Verbundenheit und in die transformatorische Kraft einer ehrlichen und offenen Kommunikation.

Gemeinschaft Schloss Tempelhof zum WIR-Prozess

Wandlungen brauchen Orte für Studium, Symposien, Workshops, künstlerische Experimente, Rückzug und meditative Stille. Unser Traum ist ein ganzheitliches achtsames Miteinander, individuell und gemeinsam – in Aktivität und Stille, im Zusammenleben, Arbeiten und Feiern.

Agnes Schuster

Gründerin und Genossin der Gemeinschaft Tempelhof

Solidargemeinschaft – eine Schule des Lebens und Arbeitens

Die Zukunfts­werkstatt Tempelhof versteht sich als Pionier für viele anstehende gesell­schaft­liche Prozesse der Neu­orien­tie­rung. Das Besondere hier ist jedoch: Es geschieht in einem natürlichen Prozess aus Alltag und Tages­geschäft heraus. So, wie es die Gemeinschaft braucht. Um es deutlicher zu sagen: Keine aufgesetzten “Change-Projekte”, sondern an den konkreten Fragen, die ihnen das Leben und Arbeiten stellt. Nur zwei der vielfältigen Beispiele, die mir bei meinem Besuch und in der Recherche begegneten: Architekten und Baumeister einer ganz besonderen Art ;-)

Die Prozessarchitektin

Schloss Tempelhof: Prozessarchitektin Dr. MarieLuise Stiefel in ihrer Küche. Bild: copy madiko

Schloss Tempelhof: Prozessarchitektin Dr. MarieLuise Stiefel in ihrer Küche
[ 2017-10 madiko ]

Franziska

MarieLuise, als Freiberuflerin nennst Du Dich Prozessarchitektin. Wer bist Du und was machst Du am Schloss Tempelhof?

MarieLuise

Ich lebe seit gut 6 Jahren am Tempelhof. Ich bin hier her gekommen, weil die Vision und das Projekt größer waren als mein Traum. Als ich das entdeckte, war mir klar: Ich muss hier­her, das ist mein Platz. Also brach ich zu meinem 60. Geburtstag meine Zelte in Stuttgart ab und zog nach Kreßberg um. Seither habe ich ziemlich viel gemacht. Das ist eines der Merk­male am Tempelhof. Hier kann ich alles, was ich je im Leben gelernt habe, einbringen.

Was ich gut kann, ist Strukturen zu entwickeln und aufzubauen. Das war in der Anfangs­phase am Tempelhof mit das Wichtigste. Ich war immer dabei, wenn es um die Weiter­ent­wicklung unserer Organisations­struktur ging. Ich habe die Gasthelfer-Betreuung mit aufgebaut. Dann war ich von Anfang an im Vorstand vom Verein. Ich übernahm die Projekt­leitung für die Gründung der freien Schule. Zuletzt war ich 1 Jahr personalverantwortliche Vorstandsfrau in der Genossenschaft.

Momentan habe ich keine verantwortliche Funktion. Das ist so bewusst gewählt. Ich habe mir letztes Jahr eine Auszeit genommen. 10 Wochen ganz unverzweckte Zeit. Ich war auf Hawaii, und habe gesagt, wenn ich zurückkomme, dann will ich als meinen Gemeinschaftsdienst Klos putzen. Das war von mir bewusst *lacht gewählt. Ich will jetzt einfach mal ausprobieren, wie ist das hier am Platz, wenn ich “niemand” bin, einfach nur Mensch.

Also auf Deine Frage ‘Wer bist du?’, würde ich sagen: Im Moment gerade so etwas wie ein Niemand *lacht, mit nichts im Außen identifizierbar.

Franziska

Wie fühlt sich das für Dich an?
 

MarieLuise

Total gut. Zum ersten Mal im Leben geht es darum: Was will ich eigentlich? Ich habe mich immer in den Dienst einer Aufgabe gestellt. Schon nur Aufgaben, die mir Sinn machen. Aber jetzt frage ich zu allererst, was möchte ich?

Und zwar nicht in einem egoistischen Sinne, sondern – ich kann gar nicht anders – in Gemeinschaft gedacht. Was ist das, was mir ein Anliegen ist und was auch der Gemeinschaft dient? Und ich will das nicht mehr vom Kopf her machen, sondern einfach warten, bis es sich aus dem Nichtwissen heraus zeigt.

Schloss Tempelhof: Dr. MarieLuise Stiefel beim Bewohnerplenum. Bild: copy madiko

Schloss Tempelhof: Dr. MarieLuise Stiefel beim Bewohnerplenum
[ 2017-10 madiko ]

Schloss Tempelhof: Dr. MarieLuise Stiefel beim Bewohnerplenum. Bild: copy madiko

Schloss Tempelhof: Dr. MarieLuise Stiefel beim Bewohnerplenum
[ 2017-10 madiko ]

Experimentelle Architekten und nachhaltige Baumeister

Zu den Architekten und Baumeistern der Solidargemeinschaft gehört auch eine Gruppe von Menschen am Tempelhof, die sich dem experimentellen Wohnen und nachhaltig Bauen widmen: das Earthship-Team.

Schloss Tempelhof: Earthship-Team. Bild: copy Schloss Tempelhof

Schloss Tempelhof: Earthship-Team
[ 2017-10 Schloss Tempelhof ]

Das Earthship ist nicht nur eine Haushülle. Es ist unser Wunsch, mit Hilfe seiner Art eine neuartige Lebensform in Gemeinschaft, echte, enge Begegnung der Menschen untereinander zu ermöglichen. Wo suchen wir unsere individuelle Autonomie, an welcher Stelle kommt „Gemeinschaft“ zum Tragen?

Das Earthship bietet Schutz-, Beziehungs- und Lebensraum. Verfolgen wir konsequent die Frage, wo die eigenen wirklichen Grundbedürfnisse liegen, was im Leben wirklich wichtig ist, erahnen wir den Schluss: Wollen wir wirklich Verantwortung für uns und unsere Nachkommen, die Welt übernehmen, müssen wir bei uns selbst und unserem Lebensstil anfangen. Und dieses Haus könnte ein erster Schritt sein.

Earthship-Team

Schloss Tempelhof

Schloss Tempelhof: Experimentelles Wohnen / Infotafel zum Earthship am Ortseingang. Bild: copy madiko

Schloss Tempelhof: Experimentelles Wohnen / Infotafel zum Earthship am Ortseingang
[ 2017-10 madiko ]

Das “Earthship” ist mithin ein handfestes Reallabor für experimentelles Bauen. Im Ent­stehungs­pro­zess erlebten die Bauherren und heutigen Bewohner des “Erdschiffes” permanente Span­nungs­fel­der: Verwenden lokal verfügbarer Natur­materialien mit geringerer Lebensdauer oder geringerer Funktionalität versus einfach zu verbauende, kostengünstigere Materialien mit hohen Qualitätseigenschaften aber wenig Nachhaltigkeit? Oder standardisierter High-Tech versus Re- und Upcyclingmaterialien? Sie prüften kritisch, welche Ressourcen in welchem Ausmaß sie nutzen wollen und wie viel Raum ihnen zusteht.

Schloss Tempelhof: Earthship und mobiles Wohnen am Schloss Tempelhof. Bild: copy madiko

Schloss Tempelhof: Earthship und mobiles Wohnen am Schloss Tempelhof
[ 2017-10 madiko ]

Nach einem Jahr der Planung, arbeiteten von Ende September 2015 bis Mitte 2016 60 Helfer aus 17 Nationen an diesem außergewöhnlichen Bau. Auf 170 qm Grundfläche bietet das Earthship heute Wohn- und Esszimmer, eine Küche, Sanitärräume für bis zu 25 Menschen. Der besondere Clou: ein integriertes Gewächshaus, in dem Nutzpflanzen wachsen, sorgt für ein natürliches Klima.

Mobile Bauten und Zirkuswägen ergänzen das Wohnexperiment mit individuellem Wohnraum. Sie sind auf das Wesentliche reduziert: konsequent ökologisch, transportabel, langlebig, regional und mit Liebe von Hand gefertigt.

Schloss Tempelhof: Earthship und mobiles Wohnen am Schloss Tempelhof / Tag der offenen Tür. Bild: copy Schloss Tempelhof

Schloss Tempelhof: Earthship und mobiles Wohnen am Schloss Tempelhof / Tag der offenen Tür
[ 2017-10 Schloss Tempelhof ]

Ulrike Nehrbaß vom SWR hat sich für natürlich! den Hausbau aus “Müll”, wie sie es nennt, näher angeschaut und dabei selbst kräftig mit angepackt:

Eigenverantwortlich
in einer Gemeinschaft

Verantwortung für uns selbst und in einer Gemeinschaft zu übernehmen, ist erlernbar. Es erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst und mit den eigenen Wertvorstellungen. Es ist die stete Reflexion der eigenen Haltung dem Leben, den Dingen und der Welt gegenüber. Das ist nicht immer leicht. Dafür braucht es in Gemeinschaft auch wohlwollendes Miteinander. Vor allem jedoch braucht es Übung. Übung im Alltag.

Schloss Tempelhof: Pinwannd mit persönlichen Erkenntnissen der Menschen. Bild: copy madiko

Schloss Tempelhof: Pinwannd mit persönlichen Erkenntnissen der Menschen
[ 2017-10 madiko ]

In unserer Gesellschaft werden individuelle Bedürfnisse und auch die uns gegebene Neugier, Dinge zu entdecken von Kindesbeinen an aberzogen. Schulische, universitäre und auch berufliche Bildung geht zumeist einher, sich in die Rollen und Strukturen einzufügen, (Fach)Wissen aufzubauen und dann im System “zu funktionieren”.

Schloss Tempelhof: Pinwannd mit persönlichen Erkenntnissen der Menschen. Bild: copy madiko

Schloss Tempelhof: Pinwannd mit persönlichen Erkenntnissen der Menschen
[ 2017-10 madiko ]

Schloss Tempelhof: Pinwannd mit persönlichen Erkenntnissen der Menschen. Bild: copy madiko

Schloss Tempelhof: Pinwannd mit persönlichen Erkenntnissen der Menschen
[ 2017-10 madiko ]

In Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft wird dieser Zwang zur Konformität aufgehoben. Der sinnstiftenden Verbindung von Mensch und System (Sinnkopplung) wird Raum gegeben.

Gebhard Borck: Sinnkopplung (Definition). Bild: cc madiko

Gebhard Borck: Sinnkopplung (Definition)
[ 2017-10 madiko ]

Um im Sinn koppeln und mit Sinn führen zu können, setzt dies den klugen Einsatz unserer Intuition voraus. Wir müssen wieder lernen, unserm Bauch und unserem Herz zu vertrauen.

Schloss Tempelhof: Pinwannd mit persönlichen Erkenntnissen der Menschen. Bild: copy madiko

Schloss Tempelhof: Pinwannd mit persönlichen Erkenntnissen der Menschen
[ 2017-10 madiko ]

Wir brauchen das Experimentieren, das Ausprobieren, das Erproben, das Verwerfen und Neubeginnen. Ich nenne es Anfängergeist. Um ihn zu stärken entwickelte ich ein Denkwerkzeug und nenne es Realexperimente

Sketchnotes Denkwerkzeuge: Realexperimente. Bild: cc madiko

Sketchnotes Denkwerkzeuge: Realexperimente
[ 2016-04 madiko ]

Meine Erkenntnis: In der Selbstbestimmtheit und damit Selbstwirksamkeit des Einzelnen liegt der Schlüssel für Selbststeuerung einer Organisation. Es ist eine Wohltat, dies am Tempelhof zu erleben. Es macht Mut.

Foto: madiko

Lernen offen
nach Innen und Außen

Weiterbildungen am Tempelhof werden durch den Rahmen zu einer besonderen Qualität des Lernens. Es macht einen Unterschied, dass ich mich theoretisch beispielsweise mit parti­zi­pa­tiven Ent­schei­dungs­prozessen und Intuition oder solidarischer Landwirtschaft oder auch kooperativen Finanzsystemen im Rahmen eines Workshops beschäftige und später dann in der Kantine von Menschen umgeben bin, die dies mit Haut und Haar leben, es aus­probieren und schlicht tun.

Schloss Tempelhof: Abstimmung im Bewohnerplenum. Bild: copy madiko

Schloss Tempelhof: Abstimmung im Bewohnerplenum
[ 2017-10 madiko ]

Unser Seminar- und Veranstaltungsteam bietet vielfältige Angebote mit den Schwerpunkten Gemeinschafts-, Kommunikations- und Persönlichkeitsentwicklung, Symposien zu zivilgesellschaftlich wichtigen Themen, ökologische und kulturelle Veranstaltungen. Freunde und Interessierte können im genossenschaftlichen Gästehaus übernachten. Gerne können unsere Räumlichkeiten auch für externe Veranstaltungen gebucht werden.

Wir sind hier keine Insel, sondern im stetigen Austausch mit zivilgesellschaftlichen Organisationen. Als Gastgeberin liegt mir am Herzen, den Einzelnen zu ermutigen, seinen Herzensweg zu gehen. Dafür braucht es ein gesundes Spannungsfeld aus Freiheit und Verbundenheit in der Gemeinschaft. Wir haben hier einen Raum geschaffen, der Menschen inspiriert und begeistert, sich zu entfalten. Also neue Wege zu gehen, wo etwas anders werden soll, wo Unzufriedenheit da ist, wo Sinnlosigkeit da ist. Und unsere Erkenntnisse vor allen Dingen mit anderen zu teilen.

Agnes Schuster

Genossin der Gemeinschaft Tempelhof und Aufsichtsrätin der Schloss Tempelhof eG

Ausblick und eigenes Erleben

Ich freue mich, was in Kooperation von Tempelhof und EnjoyWork entstehen und wachsen kann. So waren die Tempelhofer unter anderem Teil des Forschungsprojektes von Tim Weinert / Universität Leuphana: Mehr Sinn in der Arbeit durch demokratische Personalprozesse. Wir sprachen darüber (siehe da). Zudem wird Tim seine Forschungsergebnisse beim EnjoyWorkCamp zur Diskussion stellen [ Nachtrag: zur Session-Dokumentation ]. Vertreter der von ihm erforschten Unternehmen — so auch Michael Selig vom Schloss Tempelhof — werden ebenfalls vor Ort sein.

Wer sich in Entscheidungs­prozessen und neuen Rollen für Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft weiter­bilden will, geht am besten gemeinsam mit Gebhard Borck und Joan Hinterauer auf Perspektivreise Mittelstand oder besucht die All-Leader. Werkstatt für Neue Arbeitskultur am Tempelhof.

Ich kann es Dir, geneigtem Leser, nur empfehlen, Dir vor Ort selbst ein Bild zu machen. Schloss Tempelhof muss man erleben, um es wirklich zu begreifen.

Bleib neugierig,

Diese Multimedia-Reportage erschien in adaptierter Form auf dem GLS-Bank-Blog als Teil der #glskoop.

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