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Keine Antwort ohne Frage

Spielraum für Wesentliches

01.11.2014 · Christian Maier | inner game

Einst gab es nur Fragezeichen. Sie lebten harmonisch und glücklich auf der einen Seite eines großen Hügels zusammen. Weil die Fragen sehr viel Spaß am Fragen hatten, vermehrten sie sich ständig: Es gab ernste Fragen, lustige Fragen, lange Fragen, kurze Fragen, tiefsinnige Fragen, oberflächliche Fragen. Aber irgendwann kam der Zeitpunkt, da gingen ihnen die Fragen aus. Da standen sie auf ihren hügelähnlichen Erhebungen und stellten die alles entscheidende Frage, die die Welt verändern würde, nämlich „Was ist denn auf der anderen Seite der Hügel, die unsere vielen Fragen aufgeworfen haben?“

Und sie begannen sich zu recken und zu strecken, um über die Hügel hinauszuschauen…

Foto: Keine Antwort ohne Frage
Franziska Köppe | madiko

… Länger und länger dehnten sie ihre Hälse und plötzlich sprang eines der lang gestreckten Fragezeichen juchzend den Berg hinunter. Aber es war kein Fragezeichen mehr, es war nur noch ein Strich mit einem Punkt und weil es so laut rief und juchzte, sagten die anderen zu ihm, das muss ein Ausrufezeichen sein. Und so begannen auch andere Fragezeichen sich zu recken und zu strecken und als Ausrufezeichen die Hügel hinunterzulaufen.

Von da an gab es auf der einen Seite der Hügel nach oben laufende Fragezeichen und auf der anderen Seite nach unten rennende Ausrufezeichen, und das Leben wurde noch spannender und lustiger. Die Fragen, die den Hügel hinaufführten, bekamen Antworten, die wieder den Hügel hinunterführten. Die Ausrufezeichen vermehrten und vermehrten sich, und es gab bald mehr Ausrufezeichen als Fragezeichen.

Da geschah Folgendes: Die Ausrufezeichen sagten, wir brauchen keine Fragezeichen mehr, weil wir schon alles wissen. Wir wissen, was richtig ist, wir wissen, wie es geht, wir wissen, was zu tun ist, wir müssen niemanden mehr fragen. Das braucht nur Zeit und hält auf. Und so wurden die Fragezeichen immer mehr in den Hintergrund gedrängt, und im Laufe der Zeit gerieten die Fragen mehr und mehr in Vergessenheit. Und damit natürlich auch das Wissen über ihre Herkunft.

Bald waren sich alle einig, dass Fragen etwas Unwichtiges seien. Aber nicht nur das, es wurde mehr und mehr verpönt, überhaupt noch Fragen zu stellen und schließlich ganz verboten. Da aber ohne neue Fragen kein neues Wissen mehr entstand, drehten sich die Ausrufezeichen immer mehr im Kreis und gaben ihre einfachen und oft banalen Wahrheiten weiter, ohne dass es jemanden wirklich interessierte. Es gab keine Frage dazu, das jauchzende Ausrufen beim Herunterlaufen des Berges war weggefallen, es gab auch keine Berge mehr, bis auf diesen einen in der Ferne, von dem man sich erzählte, den aber noch niemand gesehen hatte und nach dem zu forschen streng verboten war.

So rasten die Ausrufezeichen lang gestreckt, dünn und mit blassen Gesichtern durch die Gegend, und keiner schien zu wissen, warum eigentlich. Und Fragen stellte auch keiner. Es gab keine Fragen mehr.

Eines Tages trafen sich heimlich einige Ausrufezeichen lange vor Sonnenaufgang, um sich auf den Weg zu dem verbotenen Hügel zu machen. Sie hatten gehört, dass es dahinter noch einige wenige Fragezeichen geben sollte. Sie wussten, dass das verboten war. Sie wussten auch, dass sie sich nicht einmal die Frage „Was hinter dem Hügel wäre“, stellen durften, und das ließ manche sich zusammenkrümmen. Aber je mehr sich die Frage breit machte, umso stärker wurde die Anziehungskraft. Und als sie am Fuße des Hügels ankamen, begannen die ersten hinaufzusteigen und siehe da, es passierte nichts Schlimmes.

Und als sie oben angekommen waren, wussten sie, was sie wirklich wollten. Sie wollten wissen, was jenseits der ganzen Wahrheiten ist, hinter die sie ständig ihr Zeichen setzen mussten. Und als sie nun oben auf dem Berg standen, sahen sie weit unten das Land der Fragezeichen, das nur noch wenig bevölkert war. Sie ahnten, dass das ihr Ursprung sein musste, woher sie vor langer Zeit gekommen waren. Und vor lauter Aufregung stolperten sie und rollten den ganzen Hang hinunter.

Dabei entdeckten sie eine neue Beweglichkeit, und unten angekommen, waren sie wieder in der Lage, die Form der Fragezeichen einzunehmen. Von diesem Moment an konnten sie ihre Form wählen. Ein neues Spiel entwickelte sich und führte zu einer neuen Form, dem Ausruhezeichen.

Als Fragezeichen liefen sie so lange der Frage nach, bis sie sich langsam zu einer Antwort streckte und schließlich als Ausrufezeichen stoppte, gefolgt von einem erholsamen Schläfchen als Ausruhezeichen, einem schlichten Kreis mit einem Punkt in der Mitte.

Dem Antwortenden
die Macht übergeben

Als Kind waren wir erfüllt von Fragen, die von innen kamen. Es ging um die Entdeckung der Welt. Alle waren wir Entdecker und viele Wunder sind uns begegnet. Eines der größten war das spannungsvolle Erfülltsein von Fragen.

Es kam dann eine Zeit, in der mehr und mehr Antworten gegeben wurden, ohne dass man gefragt hätte. Das ist in der Schule so, aber auch in Vorträgen, Seminaren und Konferenzen wird sehr viel erzählt, ohne dass es jemanden interessiert. Es sind oft Inhalte, Worte, Sätze und Aussagen, die nur den Redner selbst interessieren. Das führt dazu, dass man irgendwann aufhört, Fragen zu stellen und schließlich gibt man sich der Gewohnheit hin, ungefragt Antworten zu bekommen. Das eigentlich Schlimme daran ist, dass man dadurch verlernt, Fragen zu stellen und umgekehrt natürlich ständig Antworten erwartet.

Gewohnt, sein Leben lang Antworten zu bekommen, ohne gefragt zu haben, reduziert sich der Fragewortschatz schließlich auf Fragen wie “Wie geht das?”, “Was muss ich tun, damit …?” Das sind “schwache” Fragen, schwach deshalb, weil sich der Fragende auf eine schwache Ausgangsbasis stellt. Er meint, ohne Hilfe nicht weiterzukommen, er möchte gesagt bekommen, wie es geht. Er übergibt dem Antwortenden die Macht, aber auch die Verantwortung für das Gelingen. Er macht sich die Sache nicht zu eigenen, sondern lässt sich von außen bedienen in der scheinbar bequemen Meinung, dass es dadurch leichter ginge.

Dem Antwortenden
die Verantwortung für das Gelingen überlassen

Spannend dagegen sind die sogenannten “starken Fragen”, die man im Wesentlichen sich selbst stellt und nur dann einem Lehrer, wenn man wirklich Unterstützung braucht. Solche Fragen sind zum Beispiel:

  • Was will ich erreichen?
  • Brauche ich das wirklich, und wenn ja wozu?
  • Woher beziehe ich meine Motivation?
  • Was gibt, was nimmt mir Kraft?
  • Was ist für mich der Schlüssel, der es mir leichter macht?
  • Was kann ich an der Grenze, an der es scheinbar nicht weitergeht, lernen?
  • Was kann ich aus der Situation lernen?
  • Wie kann ich mich mit allen Sinnen, mit dem ganzen Potenzial der Sache widmen?

Solche und ähnliche “starke” Fragen führen mit der Zeit zu einer erheblichen Erweiterung der Wahrnehmung und es tut sich plötzlich eine ungeheure Vielfalt von Möglichkeiten auf, wie man an etwas herangehen kann. Wenn man diesen Weg einschlägt, wird man immer autarker und unabhängier von Lehrern, denn es macht zunehmend mehr Spaß, Dinge selbst herauszufinden. Und die Kreativität und die Fähigkeiten wachsen ständig. Lernen ist nicht von außen aufgesetzt, sondern findet in einem selbst statt.

Auch auf diesem Forschungsweg gibt es natürlich Stellen, an denen ein Lehrer sehr nützlich ist, kann er doch zu einem Lernsprung verhelfen oder vermeiden, dass man in eine Sackgasse gerät.

EnjoyWorkCamp 2014 / Jonglieren lernen mit Christian Maier. Bild: cc EnjoyWork . Tilo Hensel & madiko

EnjoyWorkCamp 2014 / Jonglieren lernen mit Christian Maier
[ 2014-11 EnjoyWork . Tilo Hensel & madiko ]

Auch bei Themen wie Kommunikation, Menschenführung oder Verkaufen werden immer wieder Fragen gestellt, obwohl der Fragende die Antworten schon in sich trägt und eigentlich nur in sich hineinhorchen muss, um sie zu finden.

Die starke Frage mit der hilfreichen Antwort zum richtigen Zeitpunkt ist also wesentlich wertvoller als das übliche Überladen mit unverwertbarem Wissensballast. Die Folge ist, dass alle beteiligt sind, die Themen interessant und bewegend bleiben und keine Motivation von außen stattfinden muss. Es ist genauso einfach wie unüblich!

Christian Maier

[ erstmals als Statement via EnjoyWork veröffentlicht am 01.11.2014 ]

Quelle und weiterlesen: Spielraum für Wesentliches, 2007-10, Seite 29f.

Spielraum für Wesentliches

Lernen beschäftigt uns ein ganzes Leben lang. Gut, dass unser Gehirn von Geburt an auf Lernen programmiert ist. Doch im Laufe des Lebens verlieren wir diese kindliche Leichtigkeit beim Lernen. Christian Maier zeigt mit dem Ansatz “inner game”, wie wir das Lernen (wieder) zu einem natürlichen Bestandteil unseres Lebens machen und unsere Potenziale „störungsfreier“ abrufen können. Mit Tipps, Praxis-Beispielen und Erlebnisberichten unterstützt er uns, das eigene Lernen und Lehren zu optimieren.

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