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Sprunginnovationen:
Neuschöpfungen, die die Welt verändern

Im Gespräch mit Rafael Laguna de la Vera / Gründungsdirektor der Agentur für Sprunginnovationen Deutschland

veröffentlicht: 13.01.2020 · Franziska Köppe | madiko
aktualisiert: 06.07.2021 · Franziska Köppe | madiko

Die neue Agentur für Sprunginnovationen soll die Innovationsdynamik in Deutschland verstärken. Sie soll sie auf ein Niveau heben, das mit dem Turbo-Kapitalismus des Silicon Valley mithalten und der Dystopie eines chinesischen Überwachungsstaats etwas entgegensetzen kann – ohne Systemveränderung. Wie soll das gelingen?

Die Zukunftstaucher sind ein Resultat der Netzkommunikation. Spontan entstanden. Getragen von der lange schwelenden Erkenntnis, Zukunft braucht eine Stimme in Deutschland. Wir sind unabhängig. Uns eint das Interesse an einer lebendigen, kompetenten und konstruktiven Diskussion über Zukunftsthemen. Und so lag es nahe, uns den Gründungsdirektor der neu ins Leben gerufenen Agentur für Sprunginnovationen, Rafael Laguna de la Vera, zum Austausch in den OpenSpace4Future einzuladen.

Mit dieser Rückblende fasse ich die interessantesten Aspekte für EnjoyWork zusammen. Den Schwerpunkt lege ich darauf, was mir hinsichtlich Marktbeobachtung und Recherche rund um Sprunginnovationen und die Agentur als solche als bedeutsam für kleine und mittelständische Firmen erscheint.

Foto: OpenSpace4Future / Zukunftstaucher (Taucher)
Scott Raegen

Sprunginnovationen sind Neuerungen, die in Märkten, Organisationen und Gesellschaften weitreichenden Wandel nach sich ziehen und große Wertschöpfungspotenziale eröffnen.

Quelle: Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands 2019
Expertenkommission Forschung und Innovation, EFI (2019), Berlin, Seite 157

Wir schreiben das Jahr 2030. Was wäre der Erfolg nach 10 Jahren SPRIND?

Wenn ich ein, zwei richtig fette Sprunginnovationen auf den Weg gebracht hätte, die das Potenzial hätten, so groß zu werden wie die Automobil-Industrie und schon auf dem besten Weg dahin sind, wäre ich sehr zufrieden mit mir. Sprunginnovationen, die den humanistischen und ökologischen Gedanken entsprechen, die die Agentur nach vorn tragen soll. Wenn wir die Energie-Wende nachhaltig zuende geführt haben. Wenn wir neue Arten des Computings erfunden haben und das “Silicon Valley” für diese neue Technologie am Biggesee oder in Sachsen ist und nicht in Kalifornien. Und eine riesige Industrie entsteht. Dann wäre ich zufrieden. Eigentlich würde auch schon eine reichen. Oder ein paar, die nicht ganz so knallen und diese Parameter haben.

Rafael Laguna de la Vera

Gründungsdirektor Agentur für Sprunginnovationen SPRIND

Warum braucht es eine Agentur für Sprunginnovationen in Deutschland?

Entstehungsgeschichte der Agentur für Sprunginnovationen

Das Innovationssystem Deutschlands hat sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt. Bisher ist es aber vor allem hervorragend dazu geeignet, Innovationen hervorzubringen, die evolutionär auf bestehenden Technologien, Produkten und Dienstleistungen aufbauen. Nur selten werden von deutschen Innovatoren völlig neue Angebote und Geschäftsmodelle hervorgebracht. Viele der in der zumeist sehr gut aufgestellten deutschen Grundlagenforschung erarbeiteten Ergebnisse können daher nicht in Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Verbesserung der Lebensqualität der Bürger umgesetzt werden. […]

Mit seinen Stärken in der Grundlagenforschung und der anwendungsorientierten Forschung in Universitäten, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Unternehmen schafft es außerdem eine vielversprechende Grundlage für das Hervorbringen von Sprunginnovationen. So werden in vielen Bereichen mit zunehmender Bedeutung wie der Computer- oder Software-Technologie, der Gesundheitsforschung oder der Biotechnologie auch erhebliche Forschungsleistungen an Universitäten und in außeruniversitären Forschungseinrichtungen erbracht.

Eine umfassende Kultur des Transfers dieses Wissens in die Anwendung hat sich in diesen Einrichtungen aber bisher nicht immer in ausreichendem Maße bilden können.

Dietmar Harhoff, Henning Kagermann, Martin Stratmann (Herausgeber)

Impulse für Sprunginnovationen in Deutschland
acatech DISKUSSION, München: Herbert Utz Verlag 2018

Von November 2016 bis Juni 2017 beschäftigten sich Vertreter aus Industrie und Wissenschaften mit der Frage, wie dieses Defizit überwunden werden kann. Koordiniert von Prof. Martin Stratmann, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, entwickelten sie Impulse und Instrumente zur Förderung von Sprunginnovationen in Deutschland.

So schlugen die Mitwirkenden eine Agentur zur Förderung von Sprunginnovationen vor. Sie soll – in Ergänzung zu den bisherigen Forschungsförderstrukturen – Anreize für neue, richtungsweisende, wagemutige Forschungs- und Entwicklungsprojekte setzen. Um die angestrebten Ziele zu erreichen, muss die Agentur über große Freiräume verfügen. So ist ein Höchstmaß an Unabhängigkeit von politischer Steuerung im Tagesgeschäft essentiell, um hier erfolgreich agieren zu können.

Quelle: Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands 2019, Expertenkommission Forschung und Innovation, EFI (2019), Berlin, Seite 12

Impulse für Sprunginnovationen in Deutschland
Impulse für Sprunginnovationen in Deutschland

Das Innovationssystem Deutschlands hat sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt. Bisher ist es aber vor allem hervorragend dazu geeignet, Innovationen hervorzubringen, die evolutionär auf bestehenden Technologien, Produkten und Dienstleistungen aufbauen. Nur selten werden von deutschen Innovatoren völlig neue Angebote und Geschäftsmodelle entwickelt. Viele der in der zumeist sehr gut aufgestellten deutschen Grundlagenforschung erarbeiteten Ergebnisse können daher nicht in Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Verbesserung der Lebensqualität der Bürger umgesetzt werden.

Koordiniert vom Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Prof. Martin Stratmann, stellen in der vorliegenden acatech DISKUSSION Vertreter des deutschen Innovationssystems Überlegungen vor, wie dieses Defizit überwunden werden kann. Die Mitwirkenden schlagen eine neue Agentur zur Förderung von Sprunginnovationen vor, die in Ergänzung zu den bisherigen Forschungsförderstrukturen zusätzliche Anreize für die Durchführung neuer, richtungsweisender und wagemutiger Forschungs- und Entwicklungsprojekte setzt.

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2018-02-28 · acatech Deutsche Akademie der Technikwissenschaften

Wie kam es zum Gutachten? Der politische Startschuss für die Agentur für Sprung­innovationen erfolgte durch die Bundesregierung im August 2018. Als inoffzieller Start gilt das Kurzpapier Impulse für Sprung­innovationen in Deutschland von acatech vom 26. Februar 2018. Kurz darauf stand die Idee bereits im Koalitionsvertrag. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat die Ziele der Agentur so auf den Punkt gebracht:

Zahlreiche Erfindungen, die völliges Neuland eröffnen und ganze Märkte umkrempeln können, sind in Deutschland entstanden, scheitern jedoch häufig noch in der Anwendung. Die neue Agentur zielt darauf ab, aus diesen hochinnovativen Ideen aus Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft auch erfolgreiche Produkte, Dienstleistungen und Arbeitsplätze in Deutschland entstehen zu lassen. ‚Von der Idee zum Markterfolg‘ – das muss auch in Deutschland Realität werden, nicht nur im Silicon Valley oder in Asien.

Im Oktober 2019 – ein Jahr später – nahm die Agentur ihre Arbeit in Leipzig auf. Neuer Chef wurde Rafael Laguna de la Vera. Seine Aufgabe ist es, künftig echten Innovationen zu wirtschaftlich erfolgreicher Umsetzung zu verhelfen:

Wir sind nicht auf Profit-Maximierung getrimmt, sondern wollen neue Technologiefelder und Märkte erschließen – immer mit der Maßgabe, dass die Wertschöpfung in Deutschland und Europa erfolgen soll. Es kann sich aber auch um soziale Innovationen handeln, oder einfach nur um Programm-Management, um eine Umwälzung im Markt politisch, wirtschaftlich und wissenschaftlich zu beschleunigen. Immer alles im Sinne der Verbesserung der Volkswirtschaft und somit des Lebens jedes Einzelnen.

Rafael Laguna de la Vera

Gründungsdirektor Agentur für Sprunginnovationen SPRIND

Was verhindert heute Sprunginnovationen?

“Echte Innovationen” – bzw. wie sie hier genannt werden “Sprunginnovationen” – scheitern in Deutschland heute an drei Aspekten:

Der Wissenschaftsbetrieb
verhindert Sprunginnovationen

Im Sektor der Wissenschaften wird belohnt, wer forscht und dazu publiziert. Wie kompliziert und bias-belastet dieser Prozess ist, beschreibt Mai-Thi Nguyen-Kim in Ihrem Video über Wissenschaft: “Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler irren”.

Und das, wo wir doch alle wissen:

Der Prozess des wissenschaftlichen Forschens eignet sich besonders gut zur Veranschaulichung der widerspruchsvollen Problematik: Eine Wissenschaftlerin die etwa zum Begriff der Resonanz oder der Unverfügbarkeit oder der Möglichkeit einer Postwachstumsgesellschaft forschen will, kann im Grunde unmöglich im Voraus sagen, ob dabei etwas Nennenswertes herauskommen wird, was dabei herauskommen wird und wann etwas herauskommen wird.

Um aber Fördermittel nicht zu verschweden, die ja sehr häufig auf Steuergeldern beruhen, verlangen infrage kommende Förderinstitutionen einen genauen und formalisierten Forschungsantrag, der detailliert Auskunft darüber gibt, in welchen Schritten, mit welchem Untersuchungsdesign und mit welchen Kooperationspartnern und MItarbeitern in welchem Zeitraum welche Ergebnisse zu erwarten sind und wie sie publiziert werden sollen. Der Forschungsprozess soll zeitlich, finanziell und im Blick auf den “Output” verfügbar gemacht werden. Das ist nicht zuletzt ein politisches Erfordernis.

Prof. Dr. Hartmut Rosa

Quelle: “Unverfübarkeit”, Seite 102

Halten wir also fest: Wissenschaften sind Erkentnis suchende Prozesse. Und das ist gut so. Wir müssen jedoch die Probleme an ihrer Wurzel angehen, wenn wir hier besser im Sinne eines humanistisch-aufgeklärten Erkenntnisprozesses mit größtmöglicher gesellschaftlicher Wirkung (social impact) werden und einen fruchtbaren Boden für Sprunginnovationen schaffen wollen.

Wirtschaft
verhindert Sprunginnovationen

Der in den Logiken des Wachstums, der Beschleunigung und der Innovationsverdichtung angelegte Zwang zur stetigen Steigerung impliziert, dass Effizienz und Output oder Prozess und Ergebnis auf allen Ebenen stetig optimiert werden müssen. Das für Resonanzbeziehungen charakteristische Element der Unverfügbarkeit verlangt dagegen, sich auf Prozesse einzulassen, deren Eintritt unsicher ist und die darüber hinaus auch noch ergebnisoffen sind. Mit anderen Worten: Man weiß nicht, ob sich Resonanz ereignen wird und noch viel weniger, was dabei herauskommen wird.

Das kann sich keine Firma und keine Behörde leisten: Optimierung bedeutet, in kürzestmöglicher Zeit das bestmögliche Ergebnis zu erreichen und dabei die Kontrolle über den Prozess zu behalten. Berechnen und Beherrschen sind die Grundmodi der Prozesssteuerung in Wirtschaft, Politik, Pflege, Bildung usw. Genau genommen reicht schon das Kriterium des Zeit- und Kostendrucks, um das Problem zu verdeutlichen: […] niemand möchte ein Forschungsprogramm bezahlen, das ergebnisoffen ist. Der Output muss stimmen, und er muss zeitlich und inhaltlich berechenbar und beherrschbar sein, das verlangt die institutionelle Logik dynamischer Stabiliserung. […]

Jede Leiterin einer Forschungs- und Entwicklungsabteilung ist sich darüber im Klaren, dass sich wirkliche Innovationen, bahnbrechende (“disruptive”) Entdeckungen weder erzwigen noch vorhersagen lassen.

Prof. Dr. Hartmut Rosa

Quelle: “Unverfübarkeit”, Seite 100 f.

Da sich eine Investition schnell zurückzahlen muss, wird in kurzen Zyklen gedacht. Das wiederum ist zwar ideal für inkrementelle Verbesserungen, Optimierungen und Effizienzsteigerungen. Doch selbst hier bleibt ungewiss, ob die gewünschte Erhöhung der Marge, tatsächlich mehr Gewinn erzeugt. Ob die Produkt- und Dienstleistungs-Palette so weit verbessert werden kann, dass das Unternehmen weiterhin marktfähig ist.

Doch ist das wirklich zukunftsrobust? In einer komplexen, dynamisch sich permanent verändernden Welt, die sich zudem als vieldeutig und chaotisch erweist, reicht das nicht mehr aus.

Die Trennung der Sektoren
verhindert Sprunginnovationen

Wir haben sowohl die Wirtschaft als auch die Wissenschaft systembedingt voneinander abgetrennt – ich glaube, noch nicht mal unbedingt absichtlich. Aber es ist kein Aufstieg, wenn jemand aus der Wirtschaft in die Wissenschaft geht, und es ist kein Aufstieg, wenn jemand von der Wissenschaft in die Wirtschaft geht, sondern eher das Gegenteil davon. Zum anderen sind die Systeme so gestaltet, dass sie relativ in sich geschlossen sind. […]

Und wenn man die drei Dinge zusammenzählt, denke ich, wird relativ klar, dass man hier einfach kein System hat, was solche Sprunginnovationen und deren Umsetzung in Wirtschaftskreisläufe intensiviert. Und das zu ändern, ist die Aufgabe der Agentur.

Rafael Laguna de la Vera

Gründungsdirektor Agentur für Sprunginnovationen SPRIND

Quelle: Um Erfolg zu haben, müssen wir uns das Scheitern trauen im Gespräch mit Ralf Krauter via Deutschlandfunk, 21.10.2019

Um Erfolg zu haben, müssen wir uns das Scheitern trauen

An Erfindungen […] mangelt es uns ja nicht. […] Wir sind Patent-Weltmeister. Wir sind, was unsere Forschungs- und Entwicklungs-Budgets angeht, mit drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts auch mit in der Weltspitze unterwegs. Jetzt gilt es eigentlich nur noch, die Innovatorinnen und Innovatoren zu finden, die solche Ideen mit potenziell bahnbrechender Wirkungskraft haben, und zu kombinieren.

Also so frei nach Schumpeter: Es ist ja häufig so, dass bahnbrechende Innovationen eine Kombination aus mehreren Komponenten sind, die in sich vielleicht nur einfache Innovationen sind, aber dann kombiniert bahnbrechend – wie das Smartphone oder das Internet selber oder das Auto ja auch waren. […]

Das heißt, wir müssen diese Innovatorinnen und Innovatoren finden, wir müssen sie zusammenbringen […], um dann diese eigentliche Sprunginnovation zu erzeugen. […] Geld braucht man dafür: aber ich glaube noch nicht mal, dass das die wichtigste ist. Das Wichtigste ist – und das ist das Schöne daran, wenn man eine Bundesagentur ist– das Netzwerk, das wir in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik – dass wir dieses nutzen können, um eben der Innovation letztlich zum auch wirtschaftlichen Umsetzungserfolg zu verhelfen.

Rafael Laguna de la Vera

Gründungsdirektor Agentur für Sprunginnovationen SPRIND

Quelle: Um Erfolg zu haben, müssen wir uns das Scheitern trauen im Gespräch mit Ralf Krauter via Deutschlandfunk, 21.10.2019

Ein Innovator zeichnet sich vor allen Dingen durch die Kunst der Kombinatorik aus. Innovationen entstehen eben nicht nur durch Erfindungen.

Gunnar Sohn

Agentur für Kommunikation & Politik

Wenn wir also eine kluge europäische Antwort auf den Silicon Valley-Turbo-Kapitalismus, wie es Gunnar in seinem Beitrag so treffend formuliert, geben wollen – was braucht es dafür? Und weiter gedacht: Wie verändern wir die Volkswirtschaft mit Sprunginnovationen?

Mit Sprunginnovationen die Volkswirtschaft verändern

Ausgestattet mit diesen Hintergrundinformationen und Vorüberlegungen lud die Gruppe, die sich Zukunftstaucher nennt und zu der auch ich mich zähle, Rafael Laguna de la Vera zu einem Austausch ein. Die Moderation übernahmen Gunnar Sohn und Klaus Burmeister. Die Fragen hatten wir vorab gesammelt und stellten sie spontan während des Livestreams.

Fragen und Themen des Gesprächs (inkl. Zeitstempel)

[ 00:00 ] Einstieg und Begrüßung
[ 00:55 ] Wie wurdest Du Gründungsdirektor?
[ 02:50 ] Urheberschaften und die Rollen der Akteure im Entstehungsprozess der Agentur
[ 05:50 ] Was sind Sprunginnovationen?
[ 07:11 ] Sprunginnovationen in Deutschland und Europa – wo liegt das Potenzial?
[ 08:15 ] Sprunginnovation und gesellschaftliche Veränderungen – Nachhaltigkeit und der europäisch-humanistische Weg
[ 09:36 ] Europäische Antwort auf Monopole und Turbokapitalismus des Silicon Valley (USA) bzw. die Dystopie des Überwachungsstaats (China)
[ 10:45 ] Aktuelle Wettbewerbe (Challenges) und ihre Signal-Wirkung: Organe aus dem Labor, energie-effiziente KI-Systeme, Energie-Speicher für zu Hause
[ 11:55 ] Standort-Wahl Leipzig
[ 12:35 ] Auf der Suche nach Erfindern in Deutschland
[ 15:00 ] Entscheidungsfreiheit und Mut im Konzern versus im (familiengeführten) Mittelstand
[ 16:50 ] Innovationspotenzial an den Grenzgebieten der Themen – Erarbeiten der Kombinationslogik und Systematisieren von Ideen
[ 18:50 ] Wer trifft die Investment-Entscheidungen der Agentur in potenzielle Innovationen?
[ 19:45 ] “Big-Picture-Visionen” – die Rolle der Innovations-Programm-Manager
[ 21:27 ] Wer sitzt im Aufsichtsrat?
[ 22:30 ] Gründungsdirektor in Teilzeit und das “Sondereinsatzkommando Laguna de la Vera”
[ 24:45 ] Aktueller Stand in Aufbau und Struktur der Agentur sowie nächste Schritte
[ 26:54 ] Aktuelle Schwerpunkte: IT (Datensouveränität Europäische Cloud, neue Arten des analogen Computings), Automobil-Bereich, Energie und Umwelt (von großindustriellen Industrie-Speichern bis Kleinstanlagen)
[ 27:56 ] Starkes Europa zwischen China und den USA insbesondere in der Grundlagenforschung und angewandten Forschung: Quanten-Computing, 3D-Druck, theoretische Physik, Mathematik (z. B. Max-Planck-Institute)
[ 28:37 ] Die Lücke zwischen starker Forschung und starker Wirtschaft
[ 29:59 ] Citizen Science – Sprunginnovationen der Zivilgesellschaft // Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Agentur
[ 31:08 ] Die Welt verändern mit 150 Mio Euro – reicht das Geld?
[ 32:33 ] Aktivieren des Anlagekapitals in Deutschland für Sprunginnovationen – Strukturprobleme und Risikoscheue Kapitalgeber inkl. aktuelle Gesetzgebung für Banken, Versicherungen, usw. // politischer Veränderungsprozess für Risikokapital (Venture Capital), privates Eigenkapital (Private Equity) und Spätfinanzierung von risikoreichen Innovationen für eine Durchfinanzierung von der Entwicklung bis hin zum Börsengang (damit die Innovationen im Land bleiben)
[ 37:00 ] Typen von Unternehmern – Fallbeispiele mutiger, unternehmerischer Investitionsentscheidungen der letzten Jahre aus Konzernen und dem großen Mittelstand in Sachen Potenziale für Sprunginnovationen
[ 38:00 ] Haben auch Ideen Chancen, die keinen massiven Return on Invest (RoI) versprechen, sondern gesellschaftlichen Mehrwert generieren?
[ 38:57 ] Messen der volkswirtschaftlichen Effekte von Sprunginnovationen (Social Impact Measurement)
[ 40:15 ] Soziale Innovationen, die für die Agentur für Sprunginnovationen interessant sind (Umverteilung und ihre Auswirkungen z. B. auf das Selbstverständnis und Selbstbewusstsein – Konzepte Grundeinkommen)
[ 42:25 ] Chancen-Gleichheit in der Antragstellung zwischen technischen und sozialen Innovationen? (Formlosigkeit der Antragstellung, “Bus Ticket Collector Theory of Genius” von Paul Graham)
[ 44:43 ] Untersteht die Agentur für Sprunginnovationen dem Vergaberecht?
[ 45:11 ] Wissenschafts- und Innovationskommunikation und die Rolle von Ingenieuren für Wohlstand
[ 46:38 ] Umgang mit politischem Druck und der Macht, Gesellschaft als Agentur zu beeinflussen
[ 49:35 ] Erfolgsaussichten von Initiativen des Bundes (Vorbild DARPA) und aktueller disruptiver Druck (Automobil-Industrie und Digitalisierung)
[ 52:02 ] Haben wir im internationalen Wettbewerb bei künstlicher Intelligenz verloren und wie können wir das drehen? (Follower- vs. Leadership)
[ 54:46 ] Grundprinzipien der Innovationen: offen, föderiert und genehmigungsfrei
[ 57:13 ] Der Staat als Vorbild im Bereich OpenSource
[ 58:18 ] Wir schreiben das Jahr 2030. Was wäre der Erfolg nach 10 Jahren SPRIND?
[ 59:37 ] Abschluss, Danke und Auf Wiedersehen

Lass mich Dein Augenmerk auf folgende Punkte noch einmal lenken, die mir im Gespräch mit Rafael aufgefallen sind und die ich für unsere Kooperative und Bewegung EnjoyWork für interessant erachte:

Europäisch-humanistischer Weg zurück zur Souveränität

So wie auch wir, stehen Rafael Laguna de la Vera und die Agentur für Humanismus und Aufklärung:

Wir denken keine Technologiezweige vor. […] Was jedoch sehr wohl dem allen unterliegt […] ist, dass wir mit den Sprunginnovationen, die wir fördern, den europäisch-humanistischen Weg gehen wollen. Dass wir die Selbstbestimmung des Einzelnen, die Kontrolle über das Leben, die Achtung jedes Einzelnen, die Schaffung einer Welt, in der wir leben wollen, in die wir unsere Kinder schicken wollen, in den Vordergrund stellen.

Ich möchte Innovationen, die letztendlich jedem zugute kommen. […] Immer im föderalistischen, demokratischen Grundgedanken. Einen dystopischen Überwachungsstaat à la China oder den Turbo-Kapitalismus des Silicon Valley wollen wir hier nicht.

Rafael Laguna de la Vera

Gründungsdirektor Agentur für Sprunginnovationen SPRIND

Unsere Welt ist inzwischen durchdrungen von Digitalisierung. Viele stehen morgens schon mit dem Smartphone in der Hand aus dem Bett auf. Beim Frühstück hören wir Radio via Internet. Wir suchen uns die optimierte Verbindung der öffentlichen Verkehrsmittel mit einer App heraus. Weder Bus noch Bahn sind ohne eine elektronische Steuerung mit Funkverbindung zur Zentrale heute denkbar. Wir gehen in Büros, die ohne Rechner unvorstellbar geworden sind. Wir arbeiten in hoch automatisierten Fabriken. Während schon Kleinkinder ihre ersten Lernerfahrungen mit einem audio-digitalen Lern- und Kreativsystem TipToi haben. Unsere Bankgeschäfte, das Reservieren von Freizeitangeboten, ja das Buchen unseres Impftermins – die Digitalisierung vereinfacht vieles. Das ist gut und soll auch nicht anders. Wäre da nicht…

Staatliche Systeme müssen souverän, kontrolliert sein. Wenn unsere Daten jetzt bei Microsoft, Google, Ali Baba ablegen – was wir hier und da mal tun – ist das vielleicht nicht so eine brillante Idee. Dann kann irgendein Präsident aus einem dieser Länder sagen: Ich möchte jetzt nicht mehr, dass die Bundeskanzlerin aus Deutschland hier E-Mails kriegt. […]

Wir sind von einer Handvoll nord-amerikascher und chinesischer Unternehmen abhängig. Dadurch verlieren wir unsere Souveränität – als Staat und als Gesellschaft. Das ist ein riesen Thema. Das heißt, wir müssen das angehen.

Ich konzentriere mich auf Innovationen mit humanistischen Prinzipien. Nein, wir rennen nicht hinterher und bauen unser eigenes Amazon und unser eigenes Google. Sondern wir müssen einen prinzipiell anderen Weg einschlagen. Und der Weg kann meines Erachtens nur einer der offenen, föderierten und genehmigungsfreien Systeme sein. So wie es das Internet selbst ist, das mal von ARPA [ Vorgänger-Organisation der heutigen DARPA entwickelt wurde. Du musst niemanden fragen, wenn Du irgendwo einen E-Mail-Account anlegst oder Deinen Webserver ans Internet anschließt. Der ist dann da und für alle sichtbar ohne Gate-Keeper.

Das wird gerade Schritt für Schritt zurückgedreht. Ich kenne mich da aus, weil ich seit 20 Jahren in diesem Business unterwegs bin. Aber ich sag Euch, da geht es echt um die Wurst. Die anderen sind wirklich schlau.

Daher müssen wir sehen, dass wir mit Initiativen wie GAIA X [ Eine vernetzte Datenstruktur für ein europäisches digitales Ökosystem, A.d.R. ] gut sind, so etwas zu orchestrieren. Dann auch ganz konkret umsetzbare Vorschläge, Architekturen, Technologien haben, die es ermöglichen, den Rest des Marktes zu aktivieren.

Der Vorteil von nicht-monopolistischen Systemen ist, dass jeder, der nicht im Monopol ist, Dein Freund ist. Und das sind ja ganz schön viele. Ich wurde einmal gefragt: “Herr Laguna, wie sollen wir denn gegen die 1 Mrd Forschungs- und Entwicklungs-Budget von Amazon pro Monat anstinken?” Ich sage: Indem wir die Entwicklungsbudgets vom Rest der Welt kombinieren. Und das ist nämlich viel viel viel mehr. Und das können wir, indem wir die freie Marktwirtschaft auch im Digitalen aktivieren. Indem wir Prinzipien haben, an denen jeder partizipieren kann, offen, föderiert und genehmigungsfrei.

Rafael Laguna de la Vera

Gründungsdirektor Agentur für Sprunginnovationen SPRIND

Die Herausforderung ist, nicht den bekannten Lösungen hinterherzulaufen, wo wir in Deutschland und Europa schon längst von Firmen aus den USA und China überholt wurden. Rafael verwendet die Analogie zum Eishockey, um seinen kleveren Ansatz zur Arbeit der Agentur in Sachen künstlicher Intelligenz (KI) zu erläutern:

Don’t go where the puck is now. Go where the puck will be.

Wir müssen uns fragen: Wo ist denn der Puck als nächstes? Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, in die traditionellen Machine-Learning-Technologien jetzt noch Hunderte von Millionen zu investieren. Wir müssen uns beispielsweise überlegen, was die nächste Welle von KI ist. Die ist schon sichtbar. Es gibt schon viele Anregungen und Ideen dazu. Ich würde also anregen, da hinzugehen und uns voll zu engagieren. […]

Ich bin jetzt nicht der KI-Experte. Ich habe da jemanden, der sich sehr gut damit auskennt, der die Rede halten könnte. Aber ich glaube, die Diskussion, die jetzt stattfindet, ist richtig, dass wir mit reinem Machine-Learning – also einer Maschine, die es sich selbst beibringt – dass diese KI nur in geschlossenen Systemen sehr gut funktionieren. Sie weiß jedoch nicht, was im Rest der Welt los ist. Deswegen ist das Wissen dieser speziellen KIs nicht auf andere Anwendungen übertragbar.

Ich bin auch überzeugt, dass wir autonomes Fahren in Städten nicht mit geschlossenen KI-Systemen leisten können. Wir müssen echte Welt verstehen, also AGI [ Artificial General Intelligence, deutsch: Künstliche allgemeine Intelligenz; A.d.R.] erschaffen. Das werden wir nicht mit reinen Machine-Learning-Systemen, sondern das wird voraussichtlich eine Kombination aus symbolischer KI und Machine-Learning. NARS [ Non-Axiomatic Reasoning System, A.d.R. ] ist so ein Beispiel. Damit würde ich mich beschäftigen, wenn ich KI-Forscher wäre. Wenn wir also eine bestimmte Symbolik in der Maschine vorprägen und sie dann lernen lassen. One-Shot-Learning. Kein Kind muss 1 Mio Katzen sehen, um eine Katze zu erkennen.

Rafael Laguna de la Vera

Gründungsdirektor Agentur für Sprunginnovationen SPRIND

Systematisches Erfassen von Innovationspotenzialen an den Schnittstellen

Wir sind echt gut in der Forschung. Wir hauen auch jede Menge Patente raus – sowohl in der Grundlagenforschung als auch in der angewandten Forschung. Wir kriegen nur die Monetarisierung nicht auf die Reihe, also die Umsetzung in die Wirtschaft.

Die Wirtschaft ist unglaublich leistungsstark. Wir können da echt viel in einer Qualität, für das wir in der Welt beneidet werden. Und wir haben diesen tollen Mittelstand, der einfach klasse ist. […]

Diese Punkte müssen wir nur wieder zusammenbringen. Denn das Werterzeugungspotenzial ist gigantisch.

Rafael Laguna de la Vera

Gründungsdirektor Agentur für Sprunginnovationen SPRIND

Es freut mich, dass wir mit Rafael an der Spitze der Agentur einen Generalisten haben. Ihm ist es ein Anliegen, interdisziplinäres, inter-sektorales, kooperatives Arbeiten zu fördern und zu stärken. Beobachtenswert empfinde ich hier vor allem das Bestreben, die Überlappungen methodisch erfassen zu wollen und dafür Konzepte und Lösungen zu entwickeln:

Ich finde, dass immer an diesen Grenzgebieten der Themen und dann an der Schnittstelle zur Überlappung die spannenden Sachen entstehen. Das kann in der Methodik, in den Materialien, in der Grundidee, im Konzept, in der IT, in der Software-Implementierung – das kann in vielen dieser Bereiche sein.

Wie können wir diese Dinge sehen? Du hast ja n mal m Möglichkeiten. Und jede Erfindung wiederum besteht aus vielen Komponenten, die man wiederum beobachten muss. Das ist ein schwieriges Problem. […] Wir wollen ein Tool entwickeln, dass es Menschen ermöglicht, Potenziale zu erkennen.

Rafael Laguna de la Vera

Gründungsdirektor Agentur für Sprunginnovationen SPRIND

Technische und soziale Sprung­innovationen

Aktuelle Schwerpunkte von SPRIND

Betrachten wir die großen Zukünfte-Trends, so überrascht nicht, mit welchen Themen sich die Agentur schwerpunktmäßig auseinandersetzt:

  • Bereich Automotive und Mobilität der Zukunft,
  • Informationstechnologie (Datensouveränität europäische Cloud, neue Arten des analogen Computings, künstliche Intelligenz),
  • Energie und Umwelt (von großindustriellen Industrie-Speichern bis Kleinstanlagen für private Bauherren)
  • Social Innovation (z. B. Verteilungssysteme)

Die Automobil-Industrie kann so nicht weitergehen. Aktuell macht sie 20% der Wirtschaftsleistung und 50% Export-Leistungen in Deutschland aus. Digitalisierung durchdringt alles. Wir in Deutschland und Europa aber haben dabei sehr wenig zu sagen, wie die Digitalisierung stattfindet – weil das alles von außerhalb des Landes kommt. Wenn wir das nicht auf die Reihe kriegen, werden wir zum Industrie-Museum. Und auch hier müssen wir Gas geben. Das allein sind zwei Disruptionen, die sichtbar sind und die – wenn man hinhört – immer deutlicher werden.

Rafael Laguna de la Vera

Gründungsdirektor Agentur für Sprunginnovationen SPRIND

Wie so oft offenbart sich im Gespräch, dass bei Innovationen zumeist an Technik und Technologie gedacht wird. Insofern war ich froh, dass Gunnar und Klaus in Sachen gesellschaftlicher Veränderung nachhakten. Anders ausgedrückt: Haben auch Ideen Chancen, die keinen massiven Return on Invest in finanzieller Hinsicht versprechen, sondern gesellschaftlichen Mehrwert?

Die Agentur ist dafür da, Innovationen zu schaffen auf Basis unserer Werte, also den Wohlstand der Massen zu erhöhen. […] Der Auftrag der Politik ist es, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Anzahl von Menschen zu schaffen. Das ist auch mein philosophisches Prinzip.

Ich gebe Steuergeld aus und muss damit vorsichtig umgehen. Ich bin kein Venture Capitalist und muss auf das Geld direkt gucken. Ich muss auf den volkswirtschaftlichen Nutzen gucken.

Also kurze Antwort: Jupp, können wir machen.

Rafael Laguna de la Vera

Gründungsdirektor Agentur für Sprunginnovationen SPRIND

Was könnten also mögliche Themen für soziale Sprunginnovationen sein? Rafael sprach eines der größten Themenstellungen in Sachen Zukünfteforschung an, die uns als Gesellschaft aktuell bewegen und wo die Agentur auf der Suche nach Pionieren ist: Umverteilung und ihre Auswirkungen, z. B. auf Lebenseinstellung und Selbstwertgefühl der Menschen – wie beispielsweise Konzepte und Lösungen zum Grundeinkommen.

Es geht weniger darum, dass nicht genug da ist zum Umverteilen. Wir verteilen heute schon die Hälfte der Wirtschaftsleistung um. […] Wir alle sehen ja die Missstände. Es werden bei der Umverteilung Unzufriedenheiten erzeugt. Ein Problem mit den ostdeutschen Bundesländern und den politischen Strömungen, die wir hier haben, liegt daran, dass wir im Zuge der Umverteilung viel zerstört – vor allem viel Selbstbewusstsein zerstört – haben. Und ich darf das sagen, ich bin Ossi und in Leipzig geboren.
Da sagt man als Wessi: Ja, was beschwert Ihr Euch eigentlich? Ihr habt von uns Sateliten-Schüsseln, Malboro und ‘nen Golf gekriegt. Jetzt haltet mal die Klappe. Und Autobahnen und so was. Und das hat 2 Billionen gekostet. Jetzt seid mal ruhig hier, Ihr Nörgel-Ossis.

Daran kann man gut erkennen, dass Umverteilungsprozesse wirklich gut designed sein müssen, damit sie für uns Menschen auch funktionieren. Damit sie uns mitnehmen und uns unseren Stolz lassen. Damit sie uns weiterhin motivieren, Beiträge zur Gesellschaft zu leisten. Ich glaube, das wird heute sehr falsch gemacht.

Wir suchen alles, was da an guten Ideen kommt. Von Grundeinkommen redet man. In Finnland ist ja auch mal ein Experiment gemacht worden. Du kannst nicht einfach Leuten Geld geben. Glaub mir, das ist am Ende wirklich schwierig. Das müssen wir ändern.

Wir suchen jemanden, der kommt und sagt: Ich hab hier etwas, wie wir das machen können und die Leute sind glücklich und zufrieden und fühlen sich nicht zurückgesetzt, keine Komplexe deswegen, und bleiben weiterhin aktives Mitglied in dieser Gesellschaft und werden auch nicht vom Arbeitsmarkt genommen, und machen dem Arbeitsmarkt auch keine Konkurrenz damit, und so … ganz schön schwierig, das.

Rafael Laguna de la Vera

Gründungsdirektor Agentur für Sprunginnovationen SPRIND

Als jemand, die sich intensiv mit der dynamischen Stabilisierung unserer Welt und verschiedenen Konzepten rund um das bedingungslose Grundeinkommen auseinandersetzt, offenbart sich mir gerade in den aufgezählten Bedingungen, wie schwierig es ist, bestehende Strukturen aufzubrechen. Der Arbeitsmarkt, der heute stark auf Existenzangst aufbaut und Menschen in die abhängige Beschäftigung zwingt, soll nicht hinterfragt werden? Da wird der Sprung der sozialen Innovation schon von vornherein verkürzt, oder? Ich hätte mir gewünscht, dass Klaus hier die Möglichkeit gehabt hätte, nachzuhaken. Vielleicht beim nächsten Mal?

Was uns zum nächsten Punkt bringt, der auch noch recht unausgegoren bei der Agentur zu sein scheint. Denn bei allen moralisch-ethischen Wünschen an die Sprunginnovationen, woran wird der Erfolg der Innovationen und damit letztlich auch der Erfolg der Agentur bemessen?

Social Impact Measurement

Bei jedem Projekt schafft man sich die KPIs [ Key Performance Indicators, A.d.R. ], also man definiert die kritischen Erfolgsfaktoren. Sonst kannst Du ja Deinen Fortschritt nicht messen. Wir definieren sie als volkswirtschaftliche Erfolgsfaktoren. Das kann letztlich auch ein ROI* [ Return on Invest, A.d.R. ] sein. Es kann die Schaffung einer Firma oder eines erfolgreichen IPOs [ Initial Public Offering, A.d.R. ] sein. Das ist einfach.

Aber es kann auch etwas ganz anderes sein. Wir können beispielsweise ganze Industriezweige betrachten und sagen – wir hatten ja gerade das Thema Open Source, was ja ein guter europäischer Weg in die Digitalisierung sein könnte – wie groß ist der Industriezweig im Augenblick. Und dann sagen wir, dass das 10 Mal so viel in fünf Jahren sein soll. Und das kann man messen, und das werden wir festlegen. Wir machen also eine messbare Prognose und schauen dann, wie wir da unterwegs sind.

Rafael Laguna de la Vera

Gründungsdirektor Agentur für Sprunginnovationen SPRIND

[ * Genau genommen, müsste es das in dieser Logik ein sROI, also ein social Return on Invest sein. ]

Ich würde mir wünschen, dass die Agentur hier Wissen der aktuellen Forschung rund um Social Impact Measurement aufholt. Da scheint mir noch eine zu große Lücke.

Was mich wiederum zu den letzten beiden Punkten bringt:

Abläufe bei SPRIND

Die deutsche Förderlandschaft ist extrem kompliziert, zeitaufwändig und dafür auch noch in der Antragstellung selten erfolgreich. Insofern erleichtert mich zu hören, dass bei SPRIN-D in Sachen Antragstellung neue Wege geplant sind:

Man muss keinen Antrag stellen bei uns. Man kann uns eine formlose E-Mail mit einer Idee schicken. Diese Projekt-Ideen schauen wir uns an. Wir machen die Hürde ganz niedrig. Nicht wie bei einem Projekt-Antrag mit Projekt-Träger und das ganze Trallala.

Wir moderieren das. Wir coachen das. Wir bringen Dich mit anderen Innovator:innen zusammen. Wir stecken dazu, was fehlt. Wenn die Idee gut ist und wenn dieser Mensch, der die Idee hat, für die Idee brennt.

Rafael Laguna de la Vera

Gründungsdirektor Agentur für Sprunginnovationen SPRIND

Letztendlich sucht die Agentur nämlich Menschen. Personen, die ein bestimmtes Thema nicht loslässt. Die sich hineinverbeißen, tüfteln und Schritt für Schritt an ihrer Vision arbeiten. Interessant fand ich, dass Rafael hierbei auf “The Bus Ticket Theorie of Genius” von Paul Graham – Gründer von Yahoo Store, der ersten web-basierten Applikation, und Entwickler der ersten SPAM-Filter – Bezug nimmt:

Ein Mensch muss für ein Thema brennen. Er [ Paul Graham, A.d.R. ] nimmt dafür als Beispiel das Sammlern von Bus-Tickets. Jemand, der für ein Thema brennt – und das mag erst einmal so irre sein, dass kein Außenstehender auch nur im Ansatz erkennen kann, warum man daran Interesse haben sollte. Aber diese ganze Arbeit, um das zu tun, kommt diesen Menschen ja nicht als Arbeit vor. Der schläft damit ein. Der wacht morgens damit auf. Der träumt davon. Der engagiert sich.

Und jetzt sagt er [ Paul Graham, A.d.R. ]: Vielleicht nicht unbedingt Bus-Tickets sammeln, sondern etwas erzeugen, etwas aufbauen […]. Wenn Du so für ein Thema brennst, dann hast Du schon einmal die allerwichtigste Hürde genommen. Und wenn das dann noch ein Thema ist, woraus wir Nutzen stiften oder kombinieren können, dann biste richtig.

Und das gilt ja für soziale Innovationen genauso. Da gibt es jede Menge Menschen, die dafür brennen. Wenn sie wirklich dafür brennen und schon ihr halbes oder viertel Leben damit verbracht haben, darüber nachzudenken, was man tun könnte und konkrete Ideen haben. Das sind die Menschen, mit denen wir reden.

Rafael Laguna de la Vera

Gründungsdirektor Agentur für Sprunginnovationen SPRIND

Die nächsten Aufgaben und Schritte

Die Agentur ist dafür da, dass wir Investionen schaffen auf Basis unserer Werte, die den Wohlstand der Massen erhöhen. Wir wollen keine neuen Monopole schaffen mit ein paar Milliardären. Wir wollen schon gern ein paar Leute reich machen. Doch da reichen auch ein paar Milionen oder 10 Millionen. Aber wir brauchen keine 100 Milliarden auf dem Konto eines einzelnen Menschen. Das ist Quatsch. Dann können wir uns viel besser auf das hier konzentrieren. […]

Wir müssen Menschen begeistern für die Themen und begeistern für Wissenschaft. Mehr wissenschaftliche Prinzipien, weniger Fake-News. Ich würde gerne Helden schaffen, einen deutschen Elon Musk. Ich würde gerne zeigen, dass unser Wohlstand seit der Aufklärung nur auf diesen wissenschaftlich-ingenieursgetriebenen Initiativen beruht. Zum Beispiel was auch Prof. Dr. Achim Kampker von der RWTH Aachen macht mit “Ingenieure retten die Erde”. So was ist super.

Das ist geniale Kommunikation. Und es stimmt auch: Ingenieure können die Welt nicht nur kaputt-piefen mit ihren schnieken Dieselmotoren. Sie haben einen großen Beitrag geleistet, den Wohlstand zu schaffen. Und sie können auch einen großen Beitrag dazu leisten, dass wir über Innovationen mitsamt dem ökologischen Wandel weiterhin Wohlstand haben.

Also das ist für mich alles Teil der Kommunikation, die wir wesentlich stärker machen.

Rafael Laguna de la Vera

Gründungsdirektor Agentur für Sprunginnovationen SPRIND

Fazit & Ausblick

Das alles ist natürlich nur ein kleiner Auszug aus dem interessanten Gespräch der Zukunftstaucher mit Rafael Laguna de la Vera. Ich hätte noch zahlreiche, weitere Punkte herausziehen können. Wenn Du das Interview noch nicht geschaut hast, dann springe gern noch einmal nach oben, um das nun nachzuholen. Für heute lasse ich es bewenden und wechsle auf die Meta-Ebene:

Das Thema Zukunft ist so unfassbar weit, doch können wir uns dem nicht verschließen. Wir müssen vernetzt und vorausschauend denken. Wir werden Fehler machen und werden lernen müssen. Zukunft braucht Mut, und auch die Bereitschaft für eine faktenbasierte, offene, unabhängige und kritische Diskussion untereinander — mit den Zukunftsgestaltern in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Wir haben grade erst angefangen…

Ende Oktober 2019 hatten wir via Zukunftstaucher begonnen, die Fragen, Kritik, Wünsche und Anmerkungen an die Agentur für Sprunginnovationen zu sammeln. Es war überwältigend, was beim Tweet-Up innerhalb von einer Stunde an Impulsen zusammenkam. Wie formulierte es Gunnar zu Beginn des Gesprächs so schön:

Wir haben einen ganz interessanten Gast, mit dem wir heute diskutieren. Lang angekündigt, kuratiert, Fragen ohne Ende, sodass wir noch drei Tage dieses Interview weiterführen können.

Gunnar Sohn

Moderator im StudioZ der Zukunftstaucher

Da zeigte sich das Potenzial der Schwarmintelligenz unserer Gruppe sehr deutlich. Ute Schulze hatte dies in einem Twitter-Moment “Sprunginnovationen: OpenSpace4Future der Zukunftstaucher:innen” zusammengefasst (siehe auch Blogbeitrag via Zukunftstaucher: “Das Ergebnis: Euer Fragenkatalog an die Agentur für Sprunginnovationen”). Die Perspektiven, mit denen wir als Gruppe auf das Thema schauten, waren vielfältig – auch wenn wir da in jedem Fall noch durchmischter werden können (zum Beispiel hinsichtlich Altersstruktur und Sozialisierung).

Insofern war das für mich ein gelungener Auftakt, aus unserem inneren Kreis der Diskussionen auszutreten und uns zu öffnen. Da können wir gern dranbleiben.

Was nun Rafael und die Agentur für Sprunginnovationen anbelangt, so bin ich in jedem Fall weiter voller Entdeckerfreude und gespannt auf das, was entsteht. Der eingeschlagene Weg scheint mir positiv. Es wäre klasse, wenn es gelänge – neben USA, Südamerika, China – eine vierte Kraft in Europa aufzubauen und uns von der vor allem stark nord-amerikanisch geprägten Abhängigkeit zu lösen. Das wünsche ich mir schon seit 1990.

Mit dem Begriff “Sprunginnovation” tat ich mich zu Beginn unserer Diskussionen schwer. Je länger ich mich dem Thema widme, desto klarer wird mir, dass er mit seiner Sperrigkeit genau das bewirkt, worum es letztlich geht: Auseinandersetzen mit den Zukünften und deren aktiven Gestalten. Im Studium bezeichneten wir diese Form der Innovation als “echte” Innovation. Da ist der Terminus also in jedem Fall ein Fortschritt. Wir sollten meines Erachtens hier jedoch nicht stehenbleiben. Wie natürlich auch nicht in unseren ureigenen Anliegen rund um Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft.

Wie denkst Du darüber? Welche Fragen sind Dir offen geblieben? Worauf sollten wir bei EnjoyWork achten und unsere Anstrengungen in Sachen Sprunginnovationen – technisch wie sozial – lenken? Ich freue mich über den (weiteren) Austausch!

Bleib neugierig,

Sprunginnovationen: Aktueller Stand der Entwicklungen und Zukunft der Förderung (update Juni 2021)

Anderthalb Jahre ist das erste Gespräch mit Rafael Laguna de la Vera her. Was hat sich seither getan? Wo steht das Team heute? Wo geht die Reise hin? Welche Pioniere und ihre Projekte werden aktuell gefördert? Worauf achtet das Team bei der Auswahl der Beteiligten und ihrer Vorhaben? Wie erkennt man Potenzial für Sprunginnovationen? Wo liegt für Deutschland das erfolgversprechendste Einsatzfeld? In der Fortsetzung der Gespräche fasse ich erneut die interessantesten Aspekte für EnjoyWork zusammen.

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2021-07-06 · Franziska Köppe | madiko

Agentur für Sprunginnovationen

Agentur für Sprunginnovationen
www.sprind.org

Mit Sprunginnovationen die Volkswirtschaft verändern – #StudioZ Live-Interview mit @rafbuff
(Aufzeichnung des Livestreams der Zukunftstaucher mit Rafael Laguna de la Vera via Periscope)

Wir wollen neue Technologiefelder und Märkte erschließen
Rafael Laguna de la Vera via ECO

3 Fragen an Rafael Laguna de la Vera
via eurocloud

„Um Erfolg zu haben, müssen wir uns das Scheitern trauen“
Rafael Laguna de la Vera im Gespräch mit Ralf Krauter im Deutschlandfunk

Sprunginnovationen jenseits des Silicon Valley-Turbokapitalismus: Ideen von @rafbuff – Eure Meinung #Zukunftstaucher
Auftakt von Gunnar Sohn und Einladung an die Zukunftstaucher via “ich sag mal”

Im Text erwähnte Hintergrundberichte, Statements & Presse-Informationen

Impulse für Sprunginnovationen in Deutschland
acatech DISKUSSION, München: Herbert Utz Verlag 2018

Gutachten Impulse für Sprunginnovationen in Deutschland [PDF]

Bundeskabinett beschließt Agentur zur Förderung von Sprunginnovationen
Presse-Information des BMBF, 2018-08-29

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler irren
Mai-Thi Nguyen-Kim via maiLab

Im Text erwähnte Initiativen & Innovationen

GAIA-X – Eine vernetzte Datenstruktur für ein europäisches digitales Ökosystem
(Informationen des BMWI)

DARPA (Defense Advanceed Research Projects Agency)
Pivotal Investments Breakthrough Technologies National Security in the USA

Ingenieure retten die Erde
Prof. Dr. Achim Kampker, RWTH Aachen

NARS [ (Applied) Non-Axiomatic Reasoning System ]

Im Text erwähnte Fachliteratur

Unverfügbarkeit
Prof. Dr. Hartmut Rosa via LeseLust

Resonanz – eine Soziologie der Weltbeziehung
Prof. Dr. Hartmut Rosa via LeseLust

EnjoyWork Arbeitsbuch “Grundlagen Sinnvoll Wirtschaften für Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft”

Humanismus
(Weltbild & Menschenbild)

Aufklärung
(Grundlegende Denkmodelle)

Fachbeiträge via EnjoyWork

“Dynamische Stabilisierung: Die Steigerungslogik der Moderne und ihre Folgen”
(Zusammenfassung und meine Erkenntnise zu Hartmut Rosas Ausführungen in Resonanz – eine Soziologie der Weltbeziehung, Kapitel XIV)

Im Text erwähnte Blogbeiträge

The Bus Ticket Theorie of Genius
Paul Graham

Zukunftstaucher

www.zukunftstaucher.de

www.arbeitswelten-lebenswelten.com/zukunftstaucher
(Veranstaltungen der Community via EnjoyWork)

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